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Europa ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts gespaltener als je.

Ich habe in diesen Tagen, aus Anlass des 240. Bandes von EUROPA ERLESEN ein wenig über die vergangenen Jahrzehnte und die Veränderungen nachgedacht. Eine gekürzte Form erscheint als Antescriptum ab dem Band 240. Hier die Langversion vom 3.9.2021

Als wir  Mitte der Achtzigerjahre mit dem Verlag begannen, die blinden Flecken Südost- und Osteuropas literarisch ausfindig zu machen, war die europäische Welt auf Entdeckung eingestellt. Die Neugierde war allgegenwärtig, die Umbrüche noch vor uns. Als dann am Ende des Jahrzehnts die Mauern fielen, war die Euphorie kaum zu stoppen. Eine neue Ära sei angebrochen, Europa wieder eins, die Reiche zerbröckelt, hallte es von überall.

Diese Freude hielt nicht lange an. Schon brauten sich am Balkan dunkle Wolken zusammen, der Krieg hielt, nach knapp einem halben Jahrhundert, mit der Neuaufteilung Jugoslawiens wieder Einzug in Europa. Neue Nationalstaaten entstanden, zu den alten Minderheiten gesellten sich neue, der für überwunden gehaltene Nationalismus erlebte eine ungeahnte Renaissance, Intellektuelle wurden zu Apologeten und ahnungslose Politiker zu Propheten. Dabei hatte doch in den Achtzigerjahren die Neugierde auf die hinter der Eisernen Mauer verborgenen Kulturen zugenommen, verbunden mit der Hoffnung, sich kennenzulernen. Übersetzungen wurden mit Interesse gelesen und besprochen, verglichen, gelobt. Die Themen der Literatinnen und Literaten hat man mit den eigenen Fragen verglichen und bemerkt, dass hie wie dort ähnliche Fragen gestellt, zum Teil unterschiedliche, aber nicht unnachvollziehbare Antworten gegeben wurden. Drüben oft früher als hier und umso bemerkenswerter.

Das Fenster war jedoch schon bald von Staub und Nebel, von Rauch und Blut wieder matt und blind geworden. Auf allen Seiten florierten Rechtfertigungsversuche, die das alte Recht für sich und die eigene Nation einforderten, es den anderen, zu Minderheiten gewordenen, jedoch absprachen. Alles im Brustton der Überzeugung, im Recht zu sein, denn man hole sich ja nur, was einem über Jahrzehnte, später sagte man Jahrhunderte, verwehrt wurde. Sprachen wurden zu Messern der Teilung, Gedichte zu wehklagenden Anrufungen. Auf der Strecke blieben die Literatur und die Kultur, geschrieben in den verschiedenen Sprachen, die universalen Verse bekamen Korsette umgelegt und verstummten. Was deutlich, breit und laut daherkam, das waren zunehmend die Stimmen der neuen, gesäuberten Sprachen und die Interessen der Kulturpolitik, diese für die Konsolidierung ihrer Nationalmacht zu nutzen. Hie wie dort war man damit beschäftigt und grenzte sich gegenüber den anderen Kulturen zunehmend ab. Hie, weil man in der vermeintlichen Rückständigkeit des Balkans gute Bedingungen vorfand, sich als großzügig zu erweisen, und dort, weil man sich als Nation bestätigt fühlte und als Autor, weil man für kurze Zeit aus der Mittelmäßigkeit herausragte und darin schon Erfüllung sah.  

Als wir vor mittlerweile mehr als 24 Jahren die Reihe Europa erlesen erdachten, war es uns keineswegs bewusst, dass wir damit auf ein tiefgreifendes Versäumnis in der europäischen Kultur- und Literaturgeschichte hinweisen würden. Die Kleinodien, wie sie schon bald genannt wurden, sind im Nebel des Krieges am Balkan und der im Trüben verschickten Briefbomben geboren worden, als Antwort auf das dräuende Beben, das den ganzen Kontinent erfassen sollte und – aus heutiger Sicht – zuerst eine Epidemie der Verknöcherung des Geistes und später eine Pandemie der Angst mitführte. Angst, die eigenen Privilegien an die herumziehenden fremden Massen zu verlieren, die sich allmählich in Ablehnung und später in Hass zu wandeln begann und die soziale Basis für den raschen Rechtstrend in Europa abgab. Ein Nationalstaat nach dem anderen begann sich zu verbarrikadieren und zugleich auf den Nachbarn mit dem Finger zu zeigen, und der neue wie der alte Nationalstaat entwickelte seine Doktrin, aus der wie von selbst wieder Stacheldrahtzäune und Mauern wuchsen. Vergessen die Berliner Mauer, vergessen  der Eiserne Vorhang, vergessen Europa als Friedenskontinent, vergessen die Gleichheit der Menschen, wenn einem das Hemd näher wird als der Rock. Kultur, Sprache der Hergekommenen und Verständigung mit ihnen? Menschenrechte, wenn durch die hereinbrechenden Fremden »unsere« Demokratie gefährdet ist? Integrationsunwilligkeit, Härte, Abschiebung und Demütigung begannen zu herrschen und die Beamten fühlten sich im bürokratischen Element.

Europa ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts gespaltener als je. Es handelt sich, nach einem kurzen Zwischenhoch, um zwei ganz verschiedene Teile. Nichts mehr vom Zusammenwachsen, was zusammengehört, nichts mehr von gegenseitiger Hilfe. Die Mittel braucht man für Frontex, Stacheldrähte und Zäune. Nicht zum ersten Mal müssen wir diesen Zustand in Europa überwinden. Wenn man knapp 100 Jahre in das Jahrzehnt vor dem 2. Weltkrieg zurückschaut, wird man ähnliche Vorgänge finden. Damals diagnostizierte das Universalgenie, der Schriftsteller Miroslav Krleža, was heute wieder gilt: 

„Wenn wir heute von Europa sprechen und zu ergründen versuchen, worin die Sendung dieses ruhmreichen, großen und uns so teuren Kontinents besteht, dürfen wir nicht vergessen, dass es zwei Europa gibt. Neben dem klassischen westeuropäischen, museal-grandiosen, historisch-pathetischen Europa lebt noch ein zweites, das bescheidene, in die Ecke gedrängte, seit Jahrhunderten immer wieder unterworfene periphere Europa der östlichen und südöstlichen europäischen Völker. Dies sind jene Völker im Baltikum, im Donau- und Karpatenraum und auf dem Balkan, denen es bestimmt ist, nicht innerhalb der europäischen Mauern zu leben, sondern antemural, eine Art Glacis bildend gegen die osmanische und mongolische Gefahr und gegen alle anderen Bedrohungen militärischer und politischer Art.“

Es gilt jedoch anzumerken: Einige der damals „antemuralen Völker“ sind mittlerweile in den erlesenen Kreis des „klassischen“ und des privilegierten Europa aufgestiegen und tun sich in der Abwehr der hereinbrechenden ins Elend geworfenen und armen Menschen besonders hervor, als ob man sich nachträglich als Vorzugsschüler der europäischen muralen Vertreter der Privilegien und der Macht präsentieren möchte, in der Tradition der katholischen Abwehr der heutigen Schuldigen, der Osmanen, Verzeihung, der Muslime.

In Ermangelung neuer Visionen, wie Menschen und Kulturen, wie Sprachen miteinander friedlich leben sollten und könnten, setzt man auf Härte, Terror, Verhetzung und Hass. Dabei vergisst man, dass das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Kriege war, dass die aus nationalistischem Egoismus betriebenen, völkerbundbetreuten und stalinistischen großflächigen Verschiebungen von Menschen und deren chauvinistische Assimilation zum Nährboden für die industrielle Vernichtung von Menschen durch die Nationalsozialisten wurde, die sich zum Ziel setzte, die jüdische, die Roma-, Sinti- und die slowenische Kultur auszurotten, und die mit dem „unwerten Leben“ experimentierte, um Grundlagen fürs eigene bessere Leben medizinisch zu „erforschen“.

Das alles wäre damals ohne aktive Unterstützung einer Vielzahl von Menschen in den reichen europäischen Ländern nicht möglich gewesen, so wie es heute ohne Unterstützung beziehungsweise stillschweigende Akzeptanz breiter Teile der Bevölkerung nicht ginge, dass menschenverachtende Abschiebungen als gesetzestreu und die Demokratie beschützend verhandelt und allgemeingültige Menschenrechte vor aller Augen missachtet, übergangen, umgedeutet und außer Kraft gesetzt werden. Es begann auf leisen Sohlen und es hat schon längst das Bewusstsein großer Teile der Gesellschaft erreicht.

 

Im ersten Antescriptum 1997 schrieb ich:

EUROPA ERLESEN soll eine Schatzsuche und zugleich Entdeckungsreise sein nach einem Gobelin der Kulturen und der Verknüpfung von Bildern. Aus der Vielzahl bekannter und unbekannter Namen soll ein ganzheitliches Bild der Stadt, der Region, der Menschen, ihrer Sinne, ihrer Gefühle und ihrer Träume werden, und es möchte die Weiterentwicklung von Voltaires Satz Europa kennen, Europa erkennen“ in „Europa kennen, Europa erkennen, Europa erlesen“ sein. (Ende August 1997)

 

Heute müssen wir fragen: Haben wir die Zeit nicht genutzt? Wir sind im „naiven Glauben“, wie Samo Kobenter in „Der Standard“ 1998 formulierte, verblieben, weil wir einem „altmodischem Vorhaben“ folgten, weil wir dem „naiven Glauben an die Erzählbarkeit der Welt treu bleiben, dass dieser Kontinent, seit alters in Kriegen geschunden und geschändet, seine Würde im literarischen Text bewahrt, seinen Sinn in die Kunst hinübergerettet hat.“

Müssen wir wirklich zur Kenntnis nehmen, dass wir der »Erzählbarkeit der Welt« nicht »treu« geblieben sind? Müssen wir die Träume aus der zweiten Hälfte der Neunziger wirklich begraben?

Europa am Beginn des 21. Jahrhunderts braucht kein Nationalstaatlichkeitsprinzip, wohl aber eine Form des Zusammenlebens, in der sich Kulturen, Sprachen und Menschen unabhängig von Staatsgrenzen und politischen Notwendigkeiten entwickeln können, ihr Tun und Wollen aufeinander abstimmen, frei von der Stigmatisierung „Minderheit“ oder „Mehrheit“, frei von Attributen wie „fremd“ oder „bedrohlich“, unabhängig davon, Immigrant oder Emigrant zu sein.

Es ist hoch an der Zeit, die friedliche Koexistenz auf Menschen und nicht auf Militärblöcke zu beziehen, nicht den Kampf der Kulturen zu beschwören, wie dies neuerdings häufig zu lesen ist (und obwohl es die Praxis zum Scheitern gebracht hat, 2021 erneut angebetet wird. LWi.), diesem neuerlichen Stigma eine Sicht entgegenzustellen, in der die Notwendigkeit, das Vaterland mit Waffengewalt zu verteidigen, der Freiheit weicht, die Muttersprache ohne Beschränkung durch politische, staatliche, ökonomische oder andere Auflagen zu gebrauchen. So wird die Kultur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Flanierend durch ein Europa der Unterschiede und der literarischen Bilder, möchten wir mit der Reihe EUROPA ERLESEN dazu unseren Beitrag leisten. (November 1998 / Jänner 1999)

 

Und lese ich die Anrufung vom 20. Juli 1999, keimt trotz alledem, trotz aller derzeitigen niederdrückenden Informationen, die über einen niederprasseln, tief im Inneren Hoffnung auf:

Auf unserer „imaginären Reise durch die verschwundene Welt“ haben wir aber auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass diese (trotz 230 erschienener Bände, Herbst 2021, LWi.) im Grunde genommen noch gar nicht begonnen hat, dass wir am Anfang stehen und dass wir gerade nur einen Zipfel zur unbekannten Welt der menschlichen Seele gelüpft haben. Wir haben jedoch bereits eine Ahnung von dem bekommen, was sich darunter verbirgt und welch eruptive, melodische, feine Töne man wahrzunehmen vermag, dem Gesang der Sirenen gleich, leiht man ihnen sein Ohr.

Wir haben unterirdischen Flüssen gelauscht und vielleicht erstmals begriffen, dass sie, wenn auch nicht sichtbar, doch umso hörbarer, existenter sind, als räumliches Tabu das eine, als Sehnsuchtsort das andere Mal. Wir haben Karten geschaut und auf ihnen jene Orte der Sehnsucht gesucht; und je mehr wir den Kartographen folgten, desto mehr verirrten wir uns, kamen vom Weg ab und mussten von neuem beginnen, denn jene Wege zu den Gesängen der Sirenen und den Sehnsuchtsorten waren nicht verzeichnet. Je deutlicher der Weg, je dicker die Linie, desto sicherer tappen wir ins Ungewisse. Uns wird erschreckend klar, wie sehr es uns an einer Landkarte der Literatur mangelt.

 

Und auch wenn Ermüdungserscheinungen auf den Elan drücken mögen, auch wenn die Bedingungen der Herausgabe der Bücher und die Akzeptanz der Idee, sich mit Erzählungen und Büchern gegen die erdrückende Gleichgültigkeit zu wappnen und zu behaupten, sich stark verändert haben, so bleibt die Feststellung aus dem Jahr 2000 und verändert für uns nichts an der damaligen Zielsetzung:

Auf unserer Reise zur Einigung Europas sehen wir, dass die Aufrechterhaltung, aber auch die In-Frage-Stellung des Nationalstaatlichkeitsprinzips ohne die Verwirklichung hier skizzierter demokratischer Rechte für alle Bürger und Bürgerinnen Europas nur zur weiteren Verschärfung innerhalb der europäischen Grenzen führen wird. Die Folgen werden, neben der nationalistischen und chauvinistischen Spaltung, die Vertiefung der sozialen Spaltung der Gesellschaft und die Verfestigung einer Oberschicht in Europa sein, die die immer geringer werdenden Vorteile gegenüber den nachrückenden ärmeren Massen mit Zähnen und Klauen zu verteidigen sucht und damit die soziale Basis für politische Bewegungen abgibt, auf deren Grundlage diese heute schon, hier und europaweit, an die Macht drängen.

Demgegenüber kann nur eine Offensive zur Wachrüttelung der breiten Öffentlichkeit im demokratischen Sinne eingeleitet werden, in Verbindung mit einem Offert der Integration des alten an das neue Europa, indem das alte Europa, aufgrund des in den vergangenen Jahrhunderten angehäuften Reichtums, diese soziale und kulturelle Offensive mitträgt und somit eine Phase kultureller Zivilität einleitet – als Fortsetzung der Politik des europäischen Einigungsprozesses auf demokratischer, gleichberechtigter Grundlage, im Gegensatz zu vergangenen und heutigen nationalen und chauvinistischen Einigungskriegen.

Auf unserer Reise zur Einigung Europas machen wir Bücher. Mit diesen treten wir an gegen einen neuen Populismus, der imstande sein kann, Europa für weitere 1000 Jahre in der Spaltung zu belassen. (Ende Jänner 2000)

 

Wie vor einundzwanzig Jahren frage ich mich heute:

Aber wo bleibt der Mensch? Wo bleibt die Kultur? Sind es nicht jene, die Kultur nur meinen, wenn es sich um die eigene handelt, und sind es nicht dieselben, die ihre Kultur über all die anderen stellen?

Wird nicht Horaz der Satz zugeschrieben, dass die Bienen fremde Säfte suchen, um diese in eigenen Honig zu verwandeln? Könnte dieser Gedanke Anregung sein, damit zu beginnen, heutige Verwirrungen zu entwirren und Wege zu finden, wie man miteinander und mit dem beiderseitigen Reichtum umgeht, ohne sich dabei über den anderen stellen zu wollen? Könnte nicht doch die Kultur zur Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln werden? (Juni 2001)

 

Wie viel Literatur zur Verständigung beitragen kann, haben die letzten 40 Jahre in Kärnten gezeigt. Ohne die sickernde Wirkung der in Originalsprache und in Übersetzung verlegten Kultur wäre Kärnten heute bei der Überwindung des Jahrhundertkonflikts nicht dort, wohin es sich entwickelt hat. 

Der Blick der Literatur ist vielleicht imstande, ein feinfaseriges Bild einer Region zu zeichnen, und auch dazu, Berge, Flüsse, Straßen, Menschen und ihr Denken, ihr Fühlen und Erinnern in spannende Geschichten zu verwandeln. Er ist aber vielleicht auch dazu bereit und am ehesten geeignet, dieses Pulsieren über den Ort hinaus in neue Orte zu tragen, in eine neue Geographie einzupflanzen und ihnen ihre Ursprünglichkeit und Originalität zu belassen.

Denn solange wir nur die räumliche Aufhebung durch Literatur sehen, nicht aber auch ihre konkrete Verwurzelung und ihren Ausgangspunkt, wird Fernand Braudel noch lange auf ein Echo warten. „Wir verfügen über Museumskataloge, aber nicht über Kunstatlanten, über Kunst- und Literaturgeschichten, aber nicht über Kulturgeschichten“, schreibt er in seinem dreibändigen Beitrag zur Kulturgeschichte des Mittelmeers. Dem würden wir hinzufügen: Kulturgeschichten und Literaturatlanten fehlen uns. (September 2020)

 

Nach einem Jahrzehnt der Herausgabe der Reihe Europa erlesen kamen aber auch, neben der Zuversicht, die Zweifel:

In diesem Jahrzehnt hat Europa wohl eine der größten Veränderungen und Erweiterungen erfahren. Mittlerweile schwindet die Bedrohlichkeit des anderen Europa; die Lust, es zu entdecken, wächst stetig, wie auch die Gefahr, es zu überrollen und seine Feinheit und Andersartigkeit, Musikalität und Diversität zu übersehen, darüber hinwegzuschauen und es aus den Augen zu verlieren, noch bevor man es richtig in Augenschein genommen hat. Umso wichtiger erscheint es, uns daran zu erinnern, dass die kleinen Bände Wegweiser sein möchten, die der Leserschaft die Möglichkeit der Auswahl der Richtung bieten, ihr aber doch ein wenig Orientierung, eine Art Wanderkarte, mit ins Gepäck geben.

Es gibt noch viel zu tun; je mehr wir von diesem Kontinent wissen, scheint es, umso weniger wissen wir. Lassen Sie uns weiter den Kontinent erlesen und lassen Sie uns gemeinsam lesend dem Erstarren entgehen. „Lesen und Gehen, ja, und Zuneigung. Vielleicht besser als das Wort Liebe, das ist mir ein bisschen verdächtig, weil das so oft gebraucht wird. Aber zugeneigt sein – offen sein und teilnehmen. Teilnehmen, ja. Teilhaben – ist auch ein schönes Wort. (…) Teilnehmen und teilhaben, und dann wieder, wie der Camus sagt: wo ist das Gleichgewicht zwischen, wie er sagt auf Französisch, ‚solitaire‘, das heißt einsam, und ‚solidaire‘, und solidarisch – und ‚solitaire‘: einsam und gemeinsam“, sagt Peter Handke im Gespräch mit Michael Kerbler im Band „Gehört gelesen, … und machte mich auf, meinen Namen zu suchen.“ Bleiben Sie uns gewogen, und ziehen wir gemeinsam weiter. (2007)

 

Vieles könnte noch gesagt werden, vieles aus den vergangenen Jahrzehnten herausgesucht und zur neuerlichen Beurteilung vorgelegt werden. Auch, dass man daraus erlesen kann, wie sich die Welt geändert hat und wie jede Zeit von uns Neues verlangt und dass sie nie stehen bleibt. Das ist – könnte man sagen – das Lesezeichen unseres Tuns und hilft uns, nicht aufzuhören. Auch wenn wir gedacht haben, der Bespiele, der Literatur, der Übersetzungen und der Annäherungen wären schon genug aufgelegt worden, um von sich auf das Bewusstsein zu wirken. Monsieur Erval: Es scheint, wir brauchen noch weiterhin einen langen Atem!

Hat die heutige Zeit einen Hieb? Sie vergisst großzügig und sie verlernt sehr schnell. Vor allem die Literatur!

Die Erinnerung und das Hinhorchen, das Finden und das Befragen fordert von uns Geduld, oder wie es Rainer Maria Rilke formulierte: „Ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie es nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Ist es nicht Literatur, die einen Spalt zum fernen Tag, eine Ritze aufzubrechen imstande ist? Nur in Versen, nur in Erzählungen werden wir das Dauerhafte finden, das uns über die stürzenden Bäche des Lebens geleitet. Sie sind es, die – oft in fremden Sprachen geschrieben – uns hineinwerfen ins Leben, wenn wir verzagen an den kulturlosen Alltäglichkeiten und den vermeintlichen Wirklichkeiten der hingeworfenen, ausgespuckten Worthülsen.

Sind nicht schon viele Bücher untergegangen an der Ignoranz, dem bloßen Sprachton gegenüber an den Tag gelegt, der – und meist auch von oben herab – belächelt wurde? Meist von jenen, die sich nur um ihren eigenen Kanon bemühten?

Wir leben in einer Zeit, die mehr und mehr Anpassung und Uniformiertheit fordert. Sind das nicht alles Vorläufer zukünftiger gewaltsamer Differenzierungen, Diffamierungen und Sprachenverachtungen, wie sie in der Geschichte immer dann auftraten, wenn sich gesellschaftliche Eruption andeutete, sich vorbereitete; und ist es nicht Ausdruck einer verzagten Reibung zwischen Zukunft und Vergangenheit, in der Kultur zum Spielball machtorientierter Selbstdarsteller verkommt? „Ich glaube, man sollte nur noch solche Bücher lesen“ – schreibt Franz Kafka – „die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“

Einige Bücher, vor allem die aus den anderen, fremden Sprachen, kommen auf leisen Sohlen daher und verbergen sich wie Pilze lange Zeit unterm Laub. Das eine Mal verschwinden sie auch im Nebel der Wahrnehmung, noch bevor sie richtig zur Hand genommen werden; das andere Mal im vernebelten Blick der kurzsichtigen Betrachter, die ihnen schon – grundlos –  voreingenommen begegnen.

Das Gute an der Literatur ist, dass sie nicht untergeht, schon gar nicht im Treibsand der Belanglosigkeit. (Im feuchten Feber des Jahres 2014)

 

Ja, Sprache und Literatur finden immer wieder Schlupflöcher in die Zukunft und leben so weiter. Übertragungen in andere Sprachen sind wie Brücken über einen Fluss, sie verbinden ein Ufer mit dem anderen, und Flüsse selbst sind Bewegung, aus der das Leben wächst. Und damit wieder Sprache, Literatur und Kultur …

Also – lesen wir weiter! Trotz alledem – oder: Gerade deswegen!

Lojze Wieser, 3.9.2021

 

 

 

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Kärntner Rede / Koroški nagovor

Aus Anlass der Verleihung des
Großen Goldenen Ehrenzeichens des Landes Kärnten
6. Juli 2021

So wie es scheint, wird heute erstmals ein Verleger mit der großen Ehrung des Landes ausgezeichnet – jedenfalls ist es die erste Ehrung eines Verlegers slowenischer Zunge.

Wie wäre es wohl um dieses Land bestellt, wenn es Anfang der Achtziger keine Offensive zur slowenischen Literatur im Land gegeben hätte? Damals begann mit Lipuš, Javoršek, Handke, Maja Haderlap, Jožica Čertov, Cvetka Lipuš, Jani Oswald, Fabjan Hafner u. a. die Renaissance des Verlegens moderner slowenischer Literatur in Klagenfurt/Celovec. Wie übrigens 115 Jahre davor, als der – nach Franc Bernik – »erste slowenische Roman der Moderne« –, »Deseti brat« von Josip Jurčič, 1866 in Klagenfurt das Licht der Welt erblickte.

Zu Beginn der Achtzigerjahre machten die im Land geschriebenen slowenischen Worte, Sätze, Verse den Schritt aus der Literaturzeitschrift »mladje« heraus, wo sie zuvor reiften. Sie mussten nicht – wie nach dem Plebiszit die Menschen – weiter in der Emigration verharren. Sie haben sich dem Tod und dem Verstummen widersetzt und sind neuerlich zum Leben erwacht. Der zweite Schritt war ein logischer, aber bis dahin noch nicht gegangener: Das Übertragen der für so viele heimischen Sprache ins Deutsche.

Der bei Sonntagsreden geflissentlich inflationär vorgetragenen Phrase von Brücken, die wir – die »Minderheit(ler)« – da abgeben, wurden reale Brücken in Form von Erzählungen und Versen in Buchdeckeln gebaut, um nun auch tatsächlich von einem Ufer zum anderen zu gelangen.

Wie wäre es wohl um dieses Land bestellt, wenn es weiterhin nur auf der institutionellen Ebene des Politischen und des Ideologischen geblieben wäre? Das hat etwa zur 50. Wiederkehr der Volksabstimmung das »Komitee zur Aufdeckung versteckter Konflikte« aufgezeigt.

Und wo wären wir heute, wenn ab Anfang der Achtzigerjahre nicht das geschriebene, als Buch hervortretende Wort praktisch gezeigt hätte, was zu tun möglich ist. Im Gegensatz zum zahnlosen Gerede, was denn alles zu tun wäre, aber die Taten scheuend. –

In diesen Jahrzehnten rührten die einen glücklos im ewigen Verlangen und spritzten mit Wasser, die anderen schlugen das Kreuz vor diesen ewigen Forderungen. Und beide waren bis zur Genüge – und von Medien begleitet – damit beschäftigt, mit dem Finger aufeinander zu zeigen, anstatt aufeinander zuzugehen. Alle, die in dieser Zeit Flöße bauten, um mangels einer Brücke zum anderen Ufer zu gelangen, wurden torpediert und mit den Flößen versenkt.

Derweilen blieben die geschriebenen Bücher geschlossen und unübersetzt. Dass es gar keine Absicht dazu gab, sie auch in deutscher Sprache das Licht der Welt erblicken zu lassen, lässt sich allein schon an der Tatsache ablesen, dass es dafür nicht einmal einen Budgetposten gab, aus dem es finanziert hätte werden können. So konnten sich die einen weiterhin als Opfer auf die Brust schlagen und die andern ihrem Dreiparteienpakt frönen.

Ja, was wäre aus dem Land wohl geworden, wenn es umgekehrt gewesen wäre? Wenn man frühzeitig erkannt hätte, dass Sprache und Kultur auch ohne Territorium leben können; wenn es dort Worte und Sätze, Verse und Erzählungen in der eigenen Sprache und in der Übersetzung gegeben hätte? Das nämlich ist für die Achtung und Würde jedes einzelnen Menschen notwendig!

Stattdessen machte man einen langen, bitteren Umweg, um zum heutigen Zustand mit einer Ortstafellösung zu kommen. Erst die Internetplattform für zweisprachige Ortstafeln mit ihren 44.000 Unterschriften und die Selbstverständlichkeit des Erscheinens slowenischer Titel und ihrer Übersetzung übten den gebührenden Druck auf die Politik aus, damit auch institutionelle Gruppen konsensual beim Bau der Brücke mittaten. Die Piloten und Träger wurden davor von Privaten und Unerschrockenen zu einer stabilen Konstruktion verbunden, und erstmals offenbarte sich die statische Kraft von Wort und Bild, die von den in diesen Jahrzehnten verlegten Büchern in beiden Sprachen ausging. Das Festhalten und das Beharren auf dieser Orientierung, dass Bücher die Brücke zu Geist und Herz der Menschen sind, die sie aus der Sackgasse des Nationalismus zum offenen Begegnen führen, hat sich bestätigt und gab Hoffnung, weiter daran festzuhalten und die dafür notwendigen Mittel privat zu besorgen, denn seitens der Politik vertraute man weiterhin den eingeführten, verstockten Strukturen und den liebgewordenen Feindschaften.

Ich versuche eine zweite Antwort: Was wäre das Land ohne die Bücher im Original und in Übersetzung, weiterhin ohne Wissen über sich und seine nahen Verwandten? Genau aus dem Grund: Weil sie einander – angeblich – nicht verstehen konnten.

Und ich frage mich zugleich: Warum nutzt man die mit den Büchern gemachte Erfahrung beim Bau der Brücke nicht, um endlich auch in allen Medien mit den heimischen Sprachen und denen der Hergekommenen die Herzen und die Köpfe zu erreichen und miteinander auf Augenhöhe in die friedliche Zukunft zu gehen?

Ist es wirklich so schwierig, dort wo Deutsch dominiert, davon eine Zusammenfassung ins Slowenische und in die Sprachen der zu uns Hergekommenen zu machen? Dann weiß jeder gleich, worum es thematisch geht! Das gilt auch für die slowenischen Medien, auch dort wären Zusammenfassungen in Deutsch und in den Sprachen der Hergekommenen ideal für das gegenseitige Verstehen.

Und warum fangen nicht alle, die in der Vergangenheit immer schon gewusst haben, was das Richtige wäre zu tun, es aber sicherheitshalber für sich behielten, um nicht den Frieden im Land zu stören, also, warum sind die Parteien, Kirchen, Kammern, Gewerkschaften, Medien, ORF und Heimatverbände noch immer einsprachig, so als ob sie eine Zukunft in Frieden und auf Augenhöhe nichts anginge? Es gibt nur wenige Ausnahmen, die beharrlich am Bau der Brücke mitwirken – wie das zwei- und mehrsprachige Radio AGORA zum Beispiel.

Das Land wäre nicht nur anders, das Land wäre das »Athen des literarischen Schaffens« – wie Pavle Zablatnik das kulturelle Wirken von Ahacel, Slomšek, Aškerc, Jarnik, Metelko, Drabosnjak, Einspieler, Janežič und vieler weiterer im ausgehenden 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts nannte.

Und warum, frage ich mich, warum warteten Land und Stadt so ewig lang, bis ein Verlag diesen gesellschaftlichen Auftrag – gegen aller Willen – auf sich nimmt und, bekanntlich, risikoreich und existenzbedrohend versucht zu finanzieren? Sicher nicht, um sich, nach Briefbomben und Morddrohungen mit falschen Beschuldigungen und Anklagen herumzuschlagen und sich den Vorwurf einzuholen, nicht wirtschaften zu können!

Geflissentlich ging an den Institutionen des Landes (mit einer Ausnahme unter Ausserwinkler), des Bundes (mit einer Ausnahme unter Scholten), den Vertretern der Slowenen oder des benachbarten Sloweniens (mit einer Ausnahme unter Minister Žeks und Staatssekretär Jesih) die Existenzbedrohung des Verlages vorbei. Dem Wort hielten wir Wort. Dem Wort sprachen wir Heilsames zu. Mit dem Wort verband uns die Kumpanenschaft! Keiner fragte sich, wie wir das ökonomisch und psychisch durchhielten, was Briefbomben und Morddrohungen mit

sich brachten, die zur späteren Insolvenz und der Sanierung des Verlages führte. Es gelang durch die Begleitung von Berater Dietmar Warmuth und den KWF. Ob die Gesellschaft zum Bau der Brücke in Zukunft was beitragen könnte? Diese Frage stellte sich die Politik nicht.

An dieser Stelle verneige ich mich vor meiner Familie, meiner Frau und meinen Kindern und meiner engsten Mitarbeiterin mit Dank und in Demut. Wärt ihr nicht, gäbe es das Projekt des Brückenbaus schon lange nicht mehr! Hvala Barbara, Clara, Stephan, Gregi, Erika!

Ich schöpfe Hoffnung durch diese erste öffentliche Würdigung durch das Land, für die ich mich beim Landeshauptmann, den Initiatorinnen und Initiatoren und dem Laudator ganz herzlich bedanke.

*

Das geschriebene Wort, in slowenischer und deutscher Sprache, wie eigentlich jedes Wort, ist einem unterirdischen Fluss vergleichbar, der nicht vertrocknet, auch wenn er sich in den vergangenen tausend Jahren nur selten zu erkennen gab. Oft versuchte man in dieser Zeit die Speicher und Brunnen zu vergiften. Doch im Wortfluss hat er sich immer wieder erneuert und trat gerade zuletzt,

in den letzten 40 Jahren, als ein breiter werdender, sichtbarer und rauschender Fluss hervor und nährte das Land.

Ich bin überzeugt, dass in absehbarer Zeit dieser Fluss von den alten Kontaminierungen gereinigt werden kann und weiterhin lebhaft sprudelnd fließen wird. Die verschiedenen Sprachen und ihre Kulturen werden sich – auf einer mittlerweile befestigten Brücke – begegnen, zueinander finden und miteinander tanzen.

Wie wir einst den friedlichen slowenischen Kulturraum von Klagenfurt aus, als Vision, ohne Grenzverschiebungen, formulierten, sind wir heute imstande, ein neues kulturelles Athen zu schaffen, in dem jeder Mensch, frei und ungeteilt, aufrecht seines Weges geht und dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet.

Dass das möglich wurde, dazu haben viele beigetragen, und so verstehe ich die heutige Auszeichnung als Zeichen des Dankes für alle Pioniere und Pionierinnen der letzten Jahrzehnte. Ich möchte insbesondere vier, stellvertretend für viele hervorheben: Franz Marenits (schau oba!), Angelika Hödl, den auch heute hier geehrten Raimund Spöck und meinen Bruder Peter! Sie alle sind, neben Unikum, Tango u. v. a., die wahren Brückenbauer.

Dass dieser Brückenbau auch in Zukunft möglich bleibt, dazu tragen Menschen, wie Herbert Waldner von Riedergarten/For Forest bei, der u.a. die Aufarbeitung der Archive von Drava und Wieser ermöglicht und dem Innenhofverein von Raimund Spöck die Spielstätte in der Villa For Forest zur Verfügung stellt.

Ivo Andrić hat einmal gesagt: Brücken sind wichtiger als Vorratskammern. Es stimmt. Er soll weiterhin recht behalten!

Danke! Hvala!

* * *

Ob podelitvi
velikega zlatega častnega znaka dežele Koroške

6. julija 2021

Videti je, da bo danes veliko zlato deželno priznanje dejansko prvič prejel založnik – vsekakor pa še nismo imeli opravka z založnikom slovenskega jezika.

Kam bi zaneslo našo deželo, če bi na začetku osemdesetih tukaj ne bilo velike ofenzive s slovensko književnostjo? Z avtorji kot Lipuš, Javoršek, Handke, Maja Haderlap, Jožica »ertov, Cvetka Lipuš, Jani Oswald, Fabjan Hafner in drugimi se je pričela renesansa izdajanja sodobne slovenske književnosti v Klagenfurtu/Celovcu. Prav kakor 115 let poprej, ko je prav v Celovcu leta 1886 ugledal luč sveta Jurčičev Deseti brat, po Francu Berniku prvi slovenski roman moderne.

Na začetku osemdesetih so v deželi zapisane slovenske besede, stavki in verzi shodili s pomočjo literarne revije »mladje«, kjer so dozorevali najprej. Besedam, stavkom in verzom ni bilo treba kakor ljudem po plebiscitu ostajati še naprej v emigraciji. Smrti in onemelosti so se uprli in spet oživeli. Naslednji korak je bil logičen, a dotlej še ne prehojen: prevajanje tako mnogim tako domačih besed, stavkov in verzov v nemški jezik

Iz govoričenja o mostovih, inflacionarno uporabljenega pri nedeljskih govorancah, ki smo jih manjšinci ponavljali, so zrasli pravi mostovi iz pripovedi in verzov, pospravljeni med knjižnimi platnicami, ki so dejansko omogočili prehajanje z enega brega na drugega.

Kam bi zaneslo našo deželo, ko bi ostala še naprej zgolj na institucionalni ravni politike in ideologije? Ob petdeseti obletnici plebiscita nam je to pokazala Komite za razkrivanje skritih konfliktov.

In kje bi se znašli danes, če od začetka osemdesetih ne bi imeli besede, utelešene v knjigi, ki nam je v praksi dokazala, kaj vse je mogoče storiti. V nasprotju z brezzobim govoričenjem, kaj vse še moramo narediti, a ne da bi tej nuji sledila tudi dejanja. –

V teku teh desetletij so eni nesrečno šarili po večnem hrepenenju in škropili z vodo, drugi pa so se pred temi večnimi zahtevami križali. Eni in drugi pa so bili čez glavo zaposleni – ob obilni medijski spremljavi – s kazanjem s prstom drug na drugega, namesto da bi se drug drugemu približali. Vsakogar, ki je v tem času naredil splav, da bi se podal na drugi breg, saj ni bilo mostov, so torpedirali in skupaj s splavi potopili.

Napisane knjige pa so medtem ostajale neodprte in neprevedene. Da ni bilo niti kančka namena, da bi ugledale luč sveta je moč razbrati že iz dejstva, da v proračunu sploh ni bilo postavke za financiranje. Tako da so se eni še naprej lahko prikazovali kot žrtve, drugi pa so se kopali v tristrankarskem paktu.

Ja, kje bi se znašla dežela, ko bi bilo obratno? »e bi pravočasno spoznali, da jezik in kultura živita tudi brez ozemlja, če bi imeli besede in stavke, verze ter pripovedi v lastnem jeziku pa še v prevodu? Za človekovo spoštovanje in dostojanstvo je to nujno potrebno!

Namesto tega smo šli po daljši, bridkejši poti, da smo prišli do današnjega stanja rešitve krajevnih tabel. Šele internetna platforma za dvojezične napisne table s 44.000 podpisi in samoumevnost izhajanja slovenskih naslovov in prevodov sta povzročila dovolj velik pritisk na politiko, da so pri graditvi mostov v konsenzu sodelovale še institucionalne skupine. Stebre in nosilce je pred tem nekaj neustrašnih zasebnikov že povezalo v stabilno konstrukcijo in prvič se je razkrila statična moč besede in podobe, ki izhaja iz desetletij izdajanja knjig v obeh jezikih. Oklepanje in vztrajanje pri orientaciji, da knjige pomenijo most do človekovega duha in srca, da knjiga vodi iz slepe ulice nacionalizma do odkritih stikov, se je potrdila in zbudila upanje, da bomo izbrano pot ubirali še naprej in potrebna sredstva zbirali privatno, saj politika še naprej zaupa le utečenim, okostenelim strukturam in že priljubljenim sovražnostim.

Če poskusim z drugim odgovorom: kje bi se znašla dežela brez knjig v izvirnikih in prevodih, in bi ostala nevedna o sebi in svojem sorodstvu? In to prav iz enakega razloga, da se – baje – med seboj ne razumemo? Obenem pa se tudi sprašujem: kako da ne izrabimo s knjigami dosežene izkušnje pri gradnji mostu končno še pri vseh ostalih medijih z domačima jezikoma in jeziki prišlekov, da jim sežemo v srce in možgane in se enakopravno podamo v mirno prihodnost?

Je res taka težava, priti tam, kjer prevladuje nemščina, do povzetkov v slovenščini in jezikih naših prišlekov? Vsakdo bi v trenutku vedel, za kaj tematsko gre! Enako velja za slovenske medije, povzetki v nemškem jeziku in jezikih prišlekov bi bili za medsebojno razumevanje idealni.

In zakaj pravzaprav ne pričnejo vsi, ki so v preteklosti od nekdaj natančno vedeli, kaj bi bilo treba narediti, a so to za vsak primer zadržali zase, da bi se ohranil mir v deželi, zakaj so torej stranke, cerkve, zbornice, sindikati, mediji, ORF in domovinska društva še zmerom enojezični, kakor da se jih prihodnost v miru in enakopravnosti ne tiče? Le malo je izjem, ki vztrajno sodelujejo pri gradnji mostu – denimo dvo- in večjezični Radio AGORA.

Dežela se ne bi le znašla drugje, postala bi »Atene literarnega ustvarjanja« 19. stoletja, kakor je Pavle Zablatnik poimenoval kulturno ustvarjanje mož kot Ahacel, Slomšek, Aškerc, Jarnik, Metelko, Drabosnjak, Einspieler, Janežič in še mnogih drugih na prelomu z 18. v 19. stoletje.

In pa, se sprašujem naprej, zakaj sta dežela in mesto tako neskončno dolgo čakala, da je ena sama založba – zoper voljo vseh – vzela nase družbeno nalogo in jo, kot vemo, z veliko tveganja in eksistencialnih zagat poskusila financirati? Gotovo ne zato, da bi se po pisemskih bombah in grožnjah s smrtjo otepala še z lažnimi obdolžitvami in obtožbami tja do očitkov, da ni sposobna gospodariti?

Ogroženost obstoja založbe so institucije dežele (z eno samo izjemo pod Ausserwinklerjem), institucije zveze (z eno samo izjemo pod Scholtnom), predstavniki Slovencev in sosedne Slovenije (z eno samo izjemo pod ministrom Žekšem in državnim sekretarjem Jesihom) namerno spregledale. Besedo, dano besedi pa smo držali. Besedi smo pripisovali zdravilno moč. Z besedo nas je povezovalo tovarištvo!

Nihče se ni vprašal, kako smo ekonomsko in psihično preživeli, kar so povzročile pisemske bombe in grožnje s smrtjo, kar je kasneje pripeljalo do insolventnosti, nato pa do sanacije založbe. Uspelo je s pomočjo svetovalca Dietmarja Warmutha in KWF, Koroške fundacije za ekonomsko podporo. Bo družba v prihodnje prispevala h gradnji mostu? Politika si tega vprašanja ni zastavila.

Na tem mestu se klanjam družini, soprogi in otrokom in svoji najtesnejši sodelavki s hvaležnostjo in ponižnostjo. Brez vas že zdavnaj ne bi bilo zidave mostu! Hvala Barbara, Clara, Stephan, Gregi, Erika!

Mi pa daje upanje, tole prvo javno priznanje dežele, za katero se najprisrčneje zahvaljujem eželnemu glavarju, iniciatorkam in iniciatorjem ter svojemu lavdatorju.

*

Pisana beseda, slovenska ali nemška, je kakor vsaka beseda primerljiva s podzemno reko, ki ne resahne, tudi če smo jo v preteklih tisoč letih le redko zaznavali. V tem času so velikokrat poskusili zastrupiti zbiralnike in vodnjake. A se je besedna reka vedno znova obnovila in ravno v zadnjih štiridesetih letih privrela na plano kot vse širša, vse bolj opazna in deroča reka ter nahranila deželo.

Prepričan sem, da bo v doglednem času reka očiščena vseh starih onesnaženj in bo živahno šumljala še naprej. Različni jeziki s pripadajočimi kulturami se bodo – na krepko utrjenem mostu – srečevale, našle in skupaj zaplesale.

Ko smo si nekoč iz Celovca začrtali miroljubni slovenski kulturni prostor, kot vizijo, brez mejnih premikov, smo danes sposobni ustvariti nove kulturne Atene, kjer bo vsak človek svoboden in nerazdvojen stopal pokončno in se srečeval enakopravno.

Da to postaja možno, je prispevek mnogih in današnje odlikovanje jemljem kot znamenje zahvale vsem pionirjem in pionirkam zadnjih desetletij. V njihovem imenu bi rad izpostavil štiri, in to: Franz Marenits (dol poglej!), Angelika Hödl, Raimund Spöck, ki danes tudi sam na tem mestu prejema priznanje ter brata Petra! Vsi našteti so, ob Unikumu, Tangu in mnogih drugih, pravi graditelji mostu.

Da je taka gradnja tudi v bodoče možna, so med drugim ljudje, kot Herbert Waldner s svojim podjetjem Riedergarten/For Forest odgovorni, ki med drugim omogoči obdelavo arhiva založb Drava in Wieser in, ki Raimund Spöcku dá prostore za njegovo kulturno dejavnost na razpolago.

Ivo Andrić je nekoč rekel: most je pomembnejši od shrambe. Drži. Naj ima še naprej prav!

Danke! Hvala!

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Zur 65. Ausgabe von Distel – Osát. Ob 65. izdaji revije

Distel – Osát. Neues aus den Verlagen Wieser & DravaNovosti iz založb Wieser & Drava.
Es ist eine Freude und es ist spannend, was hier in Zeiten der Pandemie gewachsen ist. Das Distel-Osát-Archiv, die Herausgabe redaktionell und technisch betreut von Erika Hornbogner und Thomas Kohlwein, erschienen nun schon seit Beginn der Pandemie im März 2020 und hat bis zum 5. Juni 2021 65 (!) Ausgaben vorzuweisen!

Das ist eine große kulturelle Tat, denn sie gibt Einblicke in die Aktivitäten unserer Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, sie geben Einblicke in die medialen Reaktionen und weisen auf die erfolgreichen vertrieblichen Schritte der Verlage Wieser und Drava, die in der Pandemie erst schwierig erworbene Erfolge sichern halfen. 

Alles Bemühungen, die die Innovativkraft von Kultur und Literatur, im Original und in Übersetzung, im Vers und in der Erzählung, begehrenswert und lesbar machen. Bunt und vielfältig sind auch die essayistischen und wissenschaftlichen Diskurse, die sich nicht mit Behauptungen und dem Apoligetischen zufrieden geben, die kratzen und die hinterfragen und neu sind auch die Zugänge zum Geschmack und zur Lebensform, die dem geistigen und körperlichem Wohl zugewandt und die in ihren archäologischen Schnitten zeigen, dass die Phantasie der Besitz- und Machlosen der kreative Motor gesellschaftlicher Wandlungen und kulinarischer Bereicherungen ist.

Darüber lesen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, in unseren verlegten Büchern und dahin geleitet Sie unsere Distel, auf Slowenisch Osát genannt.Mit dem Distel-Osát-Archiv geben wir Ihnen ein Nachschlagwerk zur hand, dass sie mit Freuden zum Buch und zum Lesen geleitet. Also – auch wenn die Zeiten herausfordernd sind: Lesen bereichert, hilft aus Sackgassen heraus und wir finden neue Ideen, um ausgetretene Pfade zu verlassen! Kultur ist halt Nahrung und hilft! In allen Lebenslagen.

Petinšestdestkrat je od početka pandemije v marcu 2020 do letošnjega 5. junija izšla revija Osát, Distel v nemščini, revija založb Drava in Wieser, za katero skrbita Erika Hornbogner in Thomas Kohlwein. Tak jubilej je treba slaviti, predvsem, če v znanih okoliščinah in z vsemi predznaki kaj takega ni samoumevno, a lep primer, kaj kultura in literatura, kaj verz in pripoved, znanstveni in esejistični diskurs in kaj iskanje okusa za okusom zmorejo!

Arhiv revije, ki je pred Vami, naj bo v pomoč in orientacijo in naj doprinese k veselju branja, naj oživi fantazijo in krepi upanje. Saj, to so imanentne lastnosti kulture! Kultura je – in to iz zgodovine dobro vemo – duševna hrana! Literatura nas bodri!

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Was fast als ‘Aprilscherz’ begann, währt nunmehr 40 Jahre. Am 1. April 1981 begann mein verlegerisches Leben

Bevor der Tag zur Neige geht, möchte ich mich noch an den 1. April 1981 erinnern. Das war mein 1.Tag als Verleger in Kärnten. Begonnen habe ich als Leiter der Drau VerlagsGmbH und der Buchhandlung Naša knjiga/Unser Buch. Ich glaube, Tags darauf habe ich beschlossen, den Namen des Verlages in der Öffentlichkeit als Založba Drava Verlag zu verankern. Und wenn ich mich nicht irre, hat Peter Handke an diesem Tag, dem 2. April 1981, seine Übersetzung vom ‘Zögling Tjaž’, mit Helga Mračnikar und dem Autor Florjan Lipuš, im Stadthaus, vorgestellt. So begann alles, dass nunmehr 40 Jahre währt. 

Es waren bisher schöne, mühsame Jahrzehnte, denn literarisch war das Land ein Ödland und die slowenische Literatur unbekannt, ungeliebt und unübersetzt. Es galt viele unsichere Wege zu betreten, Wagnisse einzugehen, zu scheitern und weiter zu tun. Und doch: Es hat sich viel bewegt.
Wir stehen heute anders da, als vor vierzig Jahren. Wie es um die Literatur heute steht, habe ich im Buch “Im dreißigstem Jahr. Weitere Anmerkungen eines Grenzverlegers”  erzählt und dokumentiert.


Zu meiner Arbeit möchte ich zwei Stimmen zu Wort kommen lassen. Ich denke, sie fassen den steinigen Weg, den ich gegangen bin, recht gut in Worte. 

Joachim Riedl schreibt in der ZEIT Österreich: “Lojze  Wieser  ist  der  Extremsportler  unter  den  Verlegern.  Aber  er  stürzt  sich nicht  deshalb  in  seine  oft  kühnen  Projekte,  weil  er  süchtig  wäre  nach  dem Adrenalinrausch,  den  so  ein  verlegerisches  Wagnis  auslösen  könnte.  Er  geht vielmehr  an  Grenzen  und  nimmt  es  in  Kauf,  immer  wieder  am  ökonomischen Abgrund  zu  balancieren,  weil  er  leidenschaftlich  für  seine  Bücher  brennt  und für  die  Literatur  ganz  allgemein.  Er  schreibt  ihr  geradezu  heilsame  Kraft  zu,  in seinem  Verständnis  ist  sie  ein  Zaubermedium,  das  die  Kraft  besitzt,  zu  heilen, was  nationalistischer  Ungeist  in  den  Köpfen  anzurichten  vermag. (Von Joachim Riedl 29.  Mai  2017,  2:00  Uhr   /  ZEIT  Österreich  Nr.  22/2017,  24.  Mai  2017   / AUS  DER ZEIT  NR.  22/2017)


Die zweite Anmerkung kommt vom allzufrüh verstorbenen Autor, Charta 77 Mitbegründer, Diplomaten und Welt-PEN Präsidenten Jiří Gruša, der 2006 folgende kleine Geschichte – augenzwinkernd und schwejkisch – über mich zu erzählen wusste:

“Er  stammt  aus  Klagenfurt.  Als  Slowene  könnte  er  klagen,  doch  er  hat daraus  einen  Vorteil  gemacht.  Damals  lag  noch  um  die  Ecke  Jugoslawien.  Ein  Mischbegriff,  der  ähnlich  wie  die  alte  Tschechoslowakei  darauf  hindeutete,  dass  es  aus  einem  Österreich/Ungarn  stammt. All  die  Staaten  dieses  Raumes  mit  ihren  versteckten  oder  entblößten Bindestrichen  simulierten  ein  Ganzes,  dessen  Zusammenhänge  noch nicht  vorhanden  waren.

Zuerst  wollte  er ‘Europa  ohne Grenzen’ und  manche  warfen  ihm  vor,  er  handle  utopisch.  Doch  er war  philosophisch.  Er  wusste,  Europa  liegt  am  Ursprung  der  Dinge. Vielleicht dachte er an einen alten Griechen, der eben das grenzenlose  für  den  Anfang  des  klugen  Schaffens  hielt. 

Dann  wollte  er  ‘Europa  erlesen’,  vielleicht  erlösen  durch  Texte der  anderen.  Er  wusste,  dass  in  der  Welt  von  heute,  die  sich  so  rasant verkleinert,  das  Lesen  schwächer  wird,  da  wir  in  der  Welt  der  Bilder leben,  und  dass  die  Literatur  einer  ‘Pictoratur’  weicht,  die  die  wichtigste  Bedingung  der  Koexistenz  schwächt,  nämlich  die  Belesenheit. 

Doch  Globalisierung  ist  nicht  nur  ein  Schimpfwort,  letztendlich bringt  sie  auch  etwas  Gutes.  Aus  jedem  Dorf,  böhmisch,  slowenisch, österreichisch,  wird  nämlich  die  Weltmitte,  wenn  es  sich  als  Gelesenes  und  nicht  als  Erlösendes  darstellt.  Also  hat  Lojze  etwas  Gewagtes versucht.  Er  suchte  keine  Marktlücke  als  Verleger,  also  kein  Bedienen  der  Lüste,  sondern  er  schlug  eine  Bresche  in  die  Festungsmauern unserer  Vorurteile  mit  seiner  Enzyklopädie  des  europäischen  Ostens, und  damit  wurde  der  bisherige  Hochmut  des  Westens  relativiert.  Er ist, wie jemand so trefflich bemerkte, ein ‘Grenzverleger’ ich füge hinzu:  Er  verlegt  die  Grenzen. (…)


Aber  er  ist  auch  ein  Verleger,  der  seine  Autoren  in  Verlegenheit bringt,  indem  er  ihnen  zeigt,  dass  das  Wissen  auch  schmecken  kann. Dieser  Wieser  weiß,  dass  die  ‘Zunge  weiter  reicht  als  die  Hand’. Unvergessen  ein  Abend  in  Perchtoldsdorf.  Busek  zu  Ehren  war  ich in  einen  alten  Keller  geladen,  ausgefüllt  von  einem  strahlenden  Lojze, vor  sich  einen  noch  glänzenderen,  gewaltigen  slowenischen  Schinken, von  dem  er  unermüdlich  Scheiben  säbelte  und  dessen  unnachahmliche Vorteile  pries.  Dies  jedoch  war  nur  der  Auftakt  zu  einem  kulinarischen Feuerwerk,  und  auf  dem  satten  Heimweg  konnte  ich  nur  noch  seufzen: Wieser,  ein  wahrlich  schmackhafter  Verleger.  – Ich  hab  ihn  zum Fressen  gern.”

(Jiří Gruša, Der weise Wieser; 2006  in  Wien,  anlässlich  der  Präsentation  von  WEEO  Band  18; zitiert nach “Im dreißigstem Jahr” S.390/91)

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Vergeblich suche ich und find fast nichts. Die Gemeinderatswahlen in Kärnten am kommenden Sonntag. (Über)-Leben in Zeiten, wie diesen. Nr. 14 Gledam in nič ne najdem. Volitve na Koroškem.

Wir haben wieder Wahlen in Kärnten. Man merkt nicht allzuviel, was in erster Linie der Pandemie geschuldet ist und das, was man hört, lockt auch nicht gerade einen Jubelschrei donne (= kärntnerisch heraus, hervor). Es bleibt beim Lockdown. Alles, was man hört, klingt eher nach einem Long-Covid-Krächzer und keinem lock-donne. Programmatisch, wie sprachlich. 

Nachdem ja im Land die ursprünglich erste Sprache, das Slowenische, lange zum Verstummen gebracht wurde, hat sie sich in den letzten Jahrzehnten ein wenig Anerkennung und Achtung erzwungen. Proportional zu ihrem flächendeckenden Verstummen hat sie sich durch Literatur und Kultur größere Beachtung verschafft, als ihr zustehen würde, meinen einige. Durch die Vervollständigung eines Teils der Ortstafeln hat sie Sichtbarkeit erlangt und es geschafft, dass der einhundert Jahre das Land prägende Konflikt vom Tisch gewischt wurde. Durch zahllose Auszeichnungen, wie Maja Haderlap,  und den Literatur-Nobelpreis an Peter Handke, um nur zwei der Zahlreichen anzuführen, hat sie sogar einen kleinen Kultstatus erlangt.

Jetzt muss man wissen, dass die Frage, ob eine, zwei oder mehr Sprachen in unserer Gegend gesprochen werden dürfen, über Jahrzehnte zur Grundsatzfrage von Gut und Böse erklärt wurde. Anfänglich, in den Jahren nach der Volksabstimmung 1920, durch Arbeitsverweigerung. ‘Behälts du deine Sprache, kriegst keine Arbeit und kannst gehen.’ Viele gingen fort und kamen nie wieder. Der jüdischen Diaspora nicht unähnlich, nur in geringerer Zahl, aber dadurch um nichts weniger tragisch. Während des Zweiten Weltkrieges durch Aussiedlung und durch Köpfen der sprachlichen Deliquienten. Nur in den Wäldern war die verfolgte Sprache gern gehört und waren deren Sprecher auch die, die sich innerhalb des Dritten Reichs diesem zur Wehr setzten. Bald nach dem Krieg ging es durchs Vergessen der gegebeben Versprechen, die zwar in einem Staatsakt festgeschrieben wurden, weiter und dadurch, dass man die slowenische Sprache 1958 vor die Türen der Volksschulen setzte und die Menschen zum Outing und zum Bekenntnisprinzip zwang, verstummten Viele. Für die Wenigen, die sich nicht einschüchtern ließen, wurde Sprache lernen ein stilles Trotzen für Außenseiter und musste durchs Nachsitzen ersessen werden. 

Das alles geschah unter dem Applaus der Parteien, des Abwärtskämpferbundes, des Heimstdienstes, der Gewerkschaft, der Medien, der Kammern u.v.a.m. Wagte da einer nur den Kopf zu heben und wollte er oder sie auch nur einen Ton – in der falschen Sprache – sagen, war er allseits geächtet und ein Jemand, der oder die den Frieden im Land stört. Letztendlich ein Gefärder der Demokratie und ein sturer slowenischer Nationalist, für den man auch schon genau wusste, wo er oder sie hingehört: ‘Hauruck über den Loibel!’
Alle ruckten und duckten sich nicht sogleich, auch in die hiesigen Täler zog irgendwann frischerer Wind und im Zuge des Wiederaufbaus hatte sich der wachsenden Wohlstand auch als eine Frischzellenkur des Denkens erwiesen: Komitees vervollständigten Otstafeln, zweisprachige Zeitschriften machten ihre Gehversuche, Bücher wurden erstmals übersetzt, in den Medien besprochen und sie erleichterten vielen, die eigene Kindheitssprache, oder Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern zu verstehen; im freien, nichtmonopolisierten Äther hörte man die Sprache flächendeckend und nicht mehr nur in homöopathischen Zeiten, bewegte Bilder gesellten sich bescheiden dazu. Internetplattformen machten zweisprachige Ortstafeln populär, im Konsens traten zwei einstige verfeindeten Strömungen gewichtig gemeinsam und versöhnlich auf; zigtausende plädierten für das verbriefte demokratische Recht auf Sichtbarkeit der Sprache und für zweisprachige Ortstafeln. 

Und dann war die Ortstafellösung auf einmal da. Dass, was Jahrzehnte wie ein heiliges Schreckgespenst zur Verdrängung der Sprache und Dezimierung ihrer Sprecher gute Dienste geleistet hat, brach innerhalb kürzester Zeit in sich zusammen. Zur hundersten Wiederkehr der Volksabstimmung entschuldigt sich der Bundespräsident Van der Bellen bei allen Sloweninnen und Slowenen für das erlittene Leid und alle Versäumnisse, die die Umsetzung festgeschriebener Verfassungsrecht verhindert haben. Ein wichtiger Trost für den entstandenen Schaden. 

Und jetzt stand man da und konnte kaum glauben, dass das hundertjährige Schreckgespenst im hohlen Sack mit heißer und verbrauchter Luft verrottet. 
Warum ward vielfach nicht gefragt, wie auch jetzt kaum jemand sich Gedanken machte, wie das, was man gerade überwunden und an neuer Lebensqualität hinzugewonnen hat, zu erhalten, geschweige denn, auszubauen wäre. Man nahm es mehrheitlich hin, hinwegekommen zu sein und fragte lieber nicht, was man als Politiker, Gewerkschafter, Kammerer, Medienmensch in Print und Fernsehen,  beigetragen hat, und war wohl froh, für eigene vergangene Versäumnise nicht auch noch belangt zu werden.  

Wenn uns das vergangene Jahrhundert etwas lehrt, dann, dass Sprachen Kultur, dass Kultur Achtung (des und der Anderen, der Hiesigen und der Hergekommenen) ist, dass Achtung Würde in Frieden ist. Und, dass nur so Kriege verhindert werden.

Im Wissen darum, wie knapp wir auch in unsereren Breiten, wegen der Hochnäsigkeit anderen Sprachen und Kulturen gegenüber, an der Katastrophe – schon mehrmals –  vorbeigeschrammt sind, ist es kaum zu verstehen, warum bei Wahlen, (die als höchste Form des demokratischen Willens unserer derzeitigen Gesellschaftsform geprießen werden), die meisten Parteien noch immer glauben, mit ihrer einsprachigen Eindimensionalität durchzukommen und von den hier lebenden Menschen gewählt werden sollen. Hat uns doch gerade unsere Geschichte der letzten hundert Jahre in Kärnten gelehrt, wohin sprachliche Überheblichkeit führt und zugleich hat sie uns – wie durch ein Prisma – gezeigt, dass der in der Gesellschaft verborgene und im eigenen Gehabe (der Partei, der Gewerkschaft, der Kammern, der Medien…) versteckte Großmachtchauvinismus noch immer eine offenen Agora der freien Begegnung verhindert. 

Ohne einen radikalen Bruch wird es nicht gehen. Was das heißt? Solange nicht alle Parteien, Gewerkschaften, Kamnern, Kirchen, Institutionen, Medien u.v.a.m. allen hiesigen Sprache der hier lebenden Menschen in geeigneter Form (Zeitungen: Zusammenfassungen. ORF: Untertitelung. Parteien: Zusamnenfassungen, Hompages, eigene Flyer) und selbstverständlich Geltung geben und auch offensiv im Betrieb, den Ämtern, den Kirche, in der Wahlwerbung, auf Plakaten usw. anwenden, wird der Geist der assimilierenden Vergangenheit die freie Entwicklung des Umganges miteinander zunehmend behindern. 

Gerade der laufende Wahlkampf zeigt gut auf, wo wer im Verständnis dieses einfachen, aber für die Demokratie bedeutsammes, Menschenrechtes auf Sprache ist. 

Wo stehen im derzeitigen Wahlkampf die Parteien? 

–  ÖVP, FPÖ, Team Kärnten und SPÖ kommen alle ohne der slowenischen Sprache und der Sprachen der hier lebenden Menschen aus. – Die Neos geben sich sichtlich Mühe und bringen wichtige Teile ihrer Botschaften zumindest auch auf Slowenisch, Italienisch und Englisch.  – Die Grünen schwächeln in der zweisprachigen Präsentation und beschränken sich in Klagenfurt auf einen Satz im Kulturprogramm. Heute hat sich Sonja Koschier zum Tag der Muttersprachen geäußert . – Wie weit sich KPÖ dahingehend outet, konnte ich nicht erkennen. – Dass die EL konsequent zweisprachig ist, ist selbstverständlich und fast logisch, umsomehr ist es lobenswert. Hier ein Bericht von Clara Milena Steiner in der Krone darüber. – Sowohl bei den Grünen als der KPÖ stehen zwei Angehörige der Kärntner Slowenen an der Spitze der Partei. – Keine der Parteien hat in ihren Werbematerialien Klagenfurt auch als Celovec bezeichnet, wiewohl es die Hauptstadt aller ist. – Keine der Parteien hat es für notwendig oder erstrebenswert gefunden, die in Kärnten lebenden und systemwichtige Jobs ausübenden Arbeiter und Abgestellten in ihren Kindheits-, Mutter- und Vatersprachen anzusprechen.

Solange Worte und Taten so erschreckend weit auseinander klaffen, wird es bei Beteuerungen – ohne merklicher Verbesserung, fürchte ich – bleiben. Damit bleibt man aber auch selbst Teil des Problems, nicht der Lösung.

Malokje se v tem volilnem boju najde slovenski jezik, da o jezikih prišlekov ne govorim. Preteklo stoletje nam je predočilo, kaj pomeni ponižanje jezika, v kakšni naglici se lahko preobrne celoten sistem demokracije v sistem uničevanja. Koroški primer pod drobnogledom je pa tudi primer, kako iz preteklih zamud in napak preiti v smer spoštovanja in upoštevanja človekovih pravic. Dokler se besede in dejanja tako razhajajo, so akterji del problema in niso del rešitve.

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Auf der Suche nach den heimischen Sprachen oder Wieder einmal Ortstafeln. (Über)Leben in Zeiten wie diesen Nr. 13

Jeder, der sich heute über die unzeitgemäßen Streichung und Ausradierung der – eh ansich wenigen zweisprachigen Ortstafeln – berechtigt, aufregt, sollte sich zeitgleich auch fragen, was er dazu beigetragen hat, dass die Zweisprachigkeit seit der Ortstafellösung vor 10 Jahren im öffentlichen Raum auch gelebt wird.
Sind es nicht die Nachlässigkeiten, die den Boden für solche Aktionen bieten und zu seinem Hummus werden?


Die Medien werden sich die Frage gefallen lassen müssen, warum sie noch immer nicht – wenigstens – Zusammenfassungen auf Slowenisch und in den Sprachen der Hergekommenen bringen? Der ORF, warum er es bis heute zu keiner Untertitelungen in diesen Sprachen gebracht hat? Die Parteien, die so gern die Integration fordern und predigen, nicht einmal im Wahlkampf soviel – wenigstens wahlopportunstischen – Mut aufbringen, (wo es angeblich um jede Stimme geht), dass sie das Wenige, dass sie zu sagen haben, auch auf Slowenisch und in den Sprachen der Hergekommenen, die schon wählen dürfen, verkünden?
Einzig die Neos unter Janos Juvan in Klagenfurt/Celovec sind mit ihrer Presseaussendung auf Slowenisch, Englisch und Italienisch mutig hervorgetreten, und die Grünen haben zumindest in Klagenfurt das Kulturthema für Celovec auch auf Slowenisch angesprochen, dank Sonja Koschier; was jedoch schmerzt, wenn man bedenkt, dass die Vorsitzende Olga Voglauer es geschafft hat, dass ein Bundesgesetz – in 100 Jahren erstmals – auch auf Slowenisch veröffentlicht wird, in der Landeshauptstadt aber das Werbematerial faktisch ohne der einst ersten Sprache im Land auskommt.


Schön ist es auch zu wissen, dass es im Land auch andere, positive Signale gibt. Würdigen wir die Beschlüsse in St. Jakob/Šentjakob, alle 23 Otstafeln zweisprachig zu vervollständigen und auch Sittersdorf/Žitara vas, die sich nach Jahrzehnten überwunden haben, dem Dorf Sielach die ursprüngliche Namensnennung Sele hinzuzufügen, obwohl sie einst den Dorfbewohner Kukovica strafrechtlich dafür verfolgt haben…

Začudeno gledam, kaj se v predvolilnem metežu vse dogaja in gledam, kje bi se moj domači jezik in jezik prišlekov našel in slišal? Zamolklo se vsedem na klop pri peči in se vprašam, zakaj vsi, ki se čudijo, da se table skrunijo, v preteklih desetih letih ničesar niso podvzeli, da bi se dnevno slovenski jezik in jezik prišlekov zasidrav v zavesti in v javnem prostoru in bil tako viden in slišen za vse. Tudi tiste, ki jih moti, bi s tem morda dosegli in njihov prostor sovraštva bi bil ožji. In če že to ne, vsaj opogumili jih ne bi.


Zakaj še nimamo v časopisih dnevno povzetke v slovenščini in v jezikih prišlekov? Zakaj nimamo v ORFu podnaslove v domačem jeziku in naših sotrudnikov? In zakaj politične partije, vsaj v volilnem boju, kjer jim je menda vsak glas zlatá vreden, ne lovijo glasove v slovenščini in v jezikih sistemsko potrebnih?


Dokler se dejanja tako od besed razlikujejo, se nam ni treba čuditi, da se mulci – al pa ponaševalci – upajo – morda bolj iz ‘angeberije’ – in ponoči packajo po tablah. Z malo več odprtosti posameznika, družbe in medijev najbrž do tega niti ne bi prišlo.

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Alissa Ganijewa: Verletzte Gefühle (Über)Leben in Zeiten wie diesen Nr. 12

Als die ersten überschwenglichen Reaktionen zu Alissa Ganijewas Buch Verletzte Gefühle eintrafen und ich endlich das gedruckte Buch auch in Händen halten konnte, schrieb ich dem Übersetzer Johannes Eigner folgenden Brief. Euch bitte ich – lest es einfach. Ich bin gespannt, ob es euch auch so hineinzieht. Ich würde mich freuen!

Lieber Johannes, 

vom ersten Gespräch über das erste hineinlesen in die Rohübersetzung zum vorliegenden Buch ist einige Zeit vergangen und das Buch ist gereift. Oft geht es mir beim Lesen eines Buches aus dem eigenen Verlag so, dass ich das fertige, nachdem ich das Manuskript gelesen habe, längere Zeit nicht in die Hand nehmen will. Es muss abliegen.

Gestern hat mir Matei das schöne fertige Buch zuhause vorbeigebracht und ich habe spät in der Nacht noch im Bett zu lesen begonnen. Alissa und du ihr seid verantwortlich, dass die Nacht um meinen Schlaf gebracht wurde und ich heute Zeitfenster suche, um weiter zu lesen. Wie in besten Zeiten mit den besten Büchern! Seit bedankt! Pažalsta!

Ich fürchte,  es wird eine Magnum sein müssen!

Herzlichst!

Lojze

Der Wieser Verlag hat sich schon Frühzeitig mit der Entwicklung im europäischen Osten verlegerisch zu beschäftigen begonnen. Ergebnis dieses meist nicht gewürdigten Interesses sind die zahlreichen Publikationen, von Europa erlesen bis zu den von Norbert Schreiber herausgegebenen Bänden zu Russland. Der Band zu Politkowskaja oder auch der Kaukasische Kreidekreis sind mitlerweile zu wichtigen Quellen der breiten Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Teil der Welt geworden, zumal die zeitnahe Einschätzung für den weiteren Verlauf der europäischen Widersprüche von unschätzbaren Wert ist, auch wenn sie von den hiesigen Analysten und kulturell interessierten Kritikern meist gerne der Oberflächlichkeit und dem Übersehen geopfert werden.
Nichtsdestotrotz: Es gibt vieles zu entdecken und es ist oft nicht so, wie es sich darstellt, aber auch nicht, wie es scheint. Umsomehr ist man heute gefordert, der Literatur, dem Essay und der Lyrik zu vertrauen und mit ihnen – als Prisma in das Kommende zu schauen.

Hier eine Auswahl aus unserem Programm

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Die Barbaren sind längst unter uns. (Über)Leben in Zeiten wie diesen Nr. 11

Einleitendes.

Jetzt hab ich über ein halbes Jahr in meinem Blog geschwiegen. Zuviel der andern Arbeiten drängten sich vor. Nach drei Lockdowns und einer Corona-Erkrankung, die noch nach acht Wochen ihr Spiel mit uns, Barbara und mir treibt, und zeigt, dass die Langwirkungen erbärmlicher sind, als man sichs je gedacht hätte.
Nach der Zeit des langen Nachdenkens schien es mir an der Zeit, dass ich mich vielleicht doch wieder mit meinen bescheidenen Gedankengänge einbringe. Es tut weh, was sich gesellschaftlich abspielt und es schmerz, in welch schnellen Tempo gefestigt geglaubte kulturelle und demokratische Errungenschaften den Bach hinunter gehen.
Dazu schweigen – das war mir in den vergangenen fünf Jahrzehnten nicht gegeben, warum dann jetzt, oder? Vorlaut zu sein und sich Wichtig nehmen, das liegt mir nicht, zuviel der Minderheit ist in mir, das mich bremst und dann eher patschert erscheinen lässt und – da ist die Konkurrenz der Selbstdarsteller*innen auch zu groß, der ich mich nicht unbedingt stellen brauch.
Mich aber zu Fragen zu Wort zu melden, wenn die Wegkreuzungen ein Vorangehen vernebeln und wenn Zweifel überhand nehmen, interessiert mich schon eher und vielleicht kann ich auch – aus meinen drei großen Scheiterungen der vergangenen Jahrzehnte – die eine oder andere Sichtweise einbringen, die in den Zentren, bei den selbstverliebten Salons und den Verweigerern aller Schattierungen gerade nicht ins Augenmerk genommen werden. Oder auch nur, weil es mir auffällt, weil ich dazu eine Haltung einnehme, für die ich stehe und mich in meinen Sprachen einsetze.

Zunehmend gehen mir die Wadelbeißereien, das Schlechtmachen in Permanenz, das sich Wichtigmachen, das Besserwissen u zugleich nichts zur Veränderung Brauchbares vorzuschlagen auf den Nerv. Interessant ist, zu beobachten, wer das meiste Fett abbekommt: Die, Grünen, dann Personenen wie Anschober u. Kogler; weniger die Roten u Neos, weniger schon die Blauen und am Wenigsten die Türkisen.

Schaut man sich jedoch die gesellschaftliche Verantwortung an, ist es wohl umgekehrt. Aus dieser Realitätsverschiebung herauszufinden, die eine Sackgasse ist und die verantwortlich ist, dass still und seicht die konservativen u reaktionären neuen Gedankeninhalte Wurzeln schlagen, wäre eigentlich die drängende Aufgabe,  wollen wir nicht in einer inhumanen, demokratiefremden und -feindlichen Wirklichkeit aufwachen. Dafür wird Hirnschmalz u nicht nur Spucke, dafür wird Dialog und nicht nur Parteizugehörigkeit und -hörigkeit verlangt, dazu ist nicht nur objektive Meinung, sondern individuelle Haltung erforderlich und die zwingende Selbsthinterfragung von Nöten, um wieder einen gesellschaftlichen Raum von Achtung und Würde zu errichten.

Alteingefahrene und verschlissene Methoden greifen nicht mehr,  falsche Antworten deprimieren. Wie es war, bleibt es nicht. Nur, wie es sein wird, hängt wohl davon ab, ob man sich aus der Zone der  selbstbefriedigenden Privilegien heraus beginnt dagegen einen Damm zu bauen und zur Neugestaltung des friedlichen Zusammenlebens übergeht.

Man brauch es eigentlich nur zu tun. Der friedlichen Zukunft und der Achtung willens. Alles andere, von Hass bis Krieg, das hat uns das 20. Jahrhundert schmerzlich und nachhaltig vor Augen gefüht, hat die Seelen zerfressen. Das Zerstörende wächst und verbeitet sich, wie von selbst. Und: Die Barbaren sind längst unter uns.


Ein Gedicht:


Konstantinos Kavafis
Warten auf die Barbaren

Worauf warten wir, versammelt auf der Agora?

Es heißt, die Barbaren kommen heute.

Warum diese Untätigkeit des Senats? Was sitzen die Senatoren / herum und verabschieden keine Gesetze?

Weil die Barbaren heute kommen. / Was für Gesetze sollen die Senatoren noch machen? / Wenn die Barbaren da sind, werden sie die Gesetze machen.

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10. (Über)Leben in Zeiten wie diesen. Mit dem KELAG Preis prämierter Bachmanntext von Egon Ch. Leitner

Viel scheint sich, vom Denkansatz her, in den letzten 175 Jahren, wohl nicht geändert zu haben und wir bekommen aus den Schlachthöfen und von Erntehelfern quer durch Europa Bilder zu sehen, die den einstigen Lebensbedingungen des 19. Jahrhunderts bedrohlich näher kommen. Es ist Zeit für eine Aufarbeitung. Die heutige Lage der arbeitenden Klasse in Europa drängt in den Vordergrund. Ich sehe schon, wie so einige zusammmenzucken beim Wort “arbeitende Klasse”, die es nach all den Jahrzehnten nicht mehr geben soll. Getauscht: Arbeitnehmer – Arbeitgeber. Wer gibt wohl, wer nimmt wohl?

Die Pandemie, scheints, funktioniert wie eine Lupe und bringt zutage, was unsichtbar schien. Egon Christian Leitner lenkte schon 2012, in seinem Sozialstaatsroman “Des Menschen Herz”, den Blick auf diese Verhältnisse und wurde als übertriebener Mahner gerne zur Seite geschoben. Sein nun mit dem KELAG Preis prämierter Bachmanntext ist die Fortsetzung des Sozialstaatsromans, er ist eine Erweiterung und Konkretisierung der vor unseren Augen sich einschleichenden Verelendung der Gesellschaft, die “die ‘Verdrittweltlichung der Ersten Welt’ (zB. ewiger, stets verleugneter Pflegenotstand), nicht durch die Flüchtlinge, sondern durch den Narzissmus der Eliten” offensichtlich macht.

Die Schere wird immer weiter geöffnet, ihre Schneiden werden schärfer. Dass dieser Inhalt beim Bachmannbewerb gewürdigt wurde –  Klaus Kastberger hat den Text nominierte und wurde fast selbst vom Erfolg überrascht – ist der sichtbar und greifbar  gewordenen Wirklichkeit geschuldet. Es scheint sich eine Verschiebung der Wahrnehmung anzukündigen, die nur noch deutlicher, nur noch klarer darauf hinweist, wie groß die Not nach einer Aufarbeitung der sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse und der damit verbundenen menschlichen Lebensbedingungen geworden ist und wie schmerzhaft und zerstörend  das fehlende Helfen und Beistehen ist. Leitners Sozialstaatsroman und sein prämierter Text können hier dankbare Haltegriffe sein.

Stimmen zu Egon Christian Leitner:

Deutschlandfunk: Egon Christian Leitner las den sozialkritischen Text „Immer im Krieg“ in Form von einzelnen Geschichten über Menschenschicksale im Sozialstaat. Für Philipp Tingler zu rigide und verstaubt, doch die übrigen Jurymitglieder fanden verteidigende Worte. Klaus Kastberger war regelrecht begeistert. In seiner Laudation wandte er sich direkt an Egon Christian Leitner: Er sei „glücklich, dass diese Art von Literatur in Klagenfurt eine Chance hat.“ Sein bisheriges Werk umfasse drei Bände. Alles fügte sich zu einem Begriff: Sozialstaatsroman. Darin benenne Leitner auch drängende Probleme: „Sozialstaat selbst hat auch ein Problem, in diesen Gesellschaften ist bei weitem nicht alles gelöst. Wir müssen auf dies ungleichen Verteilungen schauen.“ Er halte die Preisvergabe daher „für ein kleines Wunder.“ 

SWR: “Der Grazer Schriftsteller Egon Christian Leitner, der mit seinem wuchtigen Werk gegen die herzlosen Verhältnisse im Sozialstaat zu Felde zieht (..) ist ein Berserker, ein aus der Zeit gefallener, der vielleicht gerade deshalb unsere Zeit so gut beschreiben kann. Sein Schaffen, das auf vielen hundert Seiten bereits veröffentlicht ist, gilt es nun zu entdecken.” (SWR)

ORF: “Klaus Kastberger sagte zu seinem zweiten Autor, dieser habe 1.200 Seiten in seinem Werk von drei Bänden geschrieben, ein Sozialstaatsroman, dessen vierter Band im Herbst erscheine. Er weise Leser in einer unglaublich rigiden Art auf Ungleichheiten im Sozialstaat hin, dass man hinschauen müssen. Das zentrale Wort sei das „so“, er stelle fest, wie es ist. „So, jetzt ist die magersüchtige Frau verhungert“, das „so“ zeigt sich auch heir: „So, jetzt hat Egon Christian Leitner einen Preis. So, jetzt haben Sie Ihren Preis und machen Sie, was Sie wollen“, so Kastberger ironisch zum Preisträger. Werner Pietsch von der KELAG gratulierte zum „mutigen und gelungenen“ Text, der Teil eines großen Ganzen sei. (…)”

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9. (Über)Leben in Zeiten wie diesen. ” Und, wie geht es dir?” 3. Juni 2020

Grad heute, oder wars schon gestern, fragte mich ein Freund: Und, wie geht es dir? Hier, meine Antwort: 


Du fragst, wies läuft? Da gibt es keine eindeutige Antwort. Einerseits versuchen wir aus der Kurz-Arbeit heraus im digitalen Bereich eine breite Interessenswirkung für die Bücher zu entwickeln. Wir haben gute Resonanzen, die aber im Buchhandel gefiltert ankommen. Im öffentlich rechtlichem Bereich würden wir uns eine systematischere Unterstützung, nicht nur eine punktuelle wünschen, aber das ist wohl aus zweierlei Dingen nicht möglich: einerseits hat der ORF, aber auch die Zeitungen, ihre Kultur auf Kurz-Arbeit geschickt, andererseits sind unsere Vorstellungen, was wie zu tun wäre grundsätzlich verschieden, denke ich. In vielen Bereichen beginnt die mediale Welt wieder die Hochkultur anzubeten und vergisst, woher der Hummus kommt. Eine dritte Ebene, die das Leben schwerer macht, als notwendig, ist, dass wir keine Signale erhalten, wann die Verlagsförderung – und in welcher Höhe – kommen wird. Hätte, in unserem Fall, Kärnten nicht rasch seine Fördersumme vorgezogen angewiesen, stünden wir heute ohne Liquidsmittel da. Unsere reichen noch bis zur zweiten Junihälfte, dann wirds eng. Von der Bank hören wir, trotz Nachfrage seit 7 Wochen nichts. Nichts, was die Vorfinanzierung der Kurz-Arbeit – durch Rahmenerhöhung – nichts, was einen Kredit anbelangt. Du stehst da, wie die Kuh vor einer Bibel. 

Wir arbeiten sehr, sehr sparsam, betreuen einen Autor, der beim Bachmannbewerb auftreten wird, servisieren die Medien mit PDFs und Besprechungs-Exemplaren, vermitteln Interwievs, servisieren z.B. Radiostationen, die eine Sendung über 100 Jahre Volksabstimmung vorbereiten – nicht nur mit Büchern, auch mit Gesprächspartnern, die wir vermitteln. Wir machen wöchentlich ein Newsletter, der an tausende Abonnenten geht,  haben zwei Kataloge gemacht, bereiten die Frankfurter Messe vor, obwohl auch die in letzter Minuten fallen kann; ich bin in den Vorarbeiten für zwei Geschmacks-Filme, obwohl auch hier der Realisierungsfaktor bei 1:2 – ja oder nein – steht, gebe 3 Bücher heraus: eines ediere ich ganz, schreibe beim Zweiten das Vor- u das Nachwort; wir versuchen soweit wie möglich, die Bücher lieferbar zu halten und unserer Programmatik, Literatur aus dem europäischen Osten weiterhin systematisch aufzulegen, nachzukommen, bringen in der Reihe Ultramarin gesellschaftlich vertiefende Essay, die wir zur Diskussion stellen, eröffnen Europa die Tore zur Emotionalität, mit Europa erlesen und dem Geschmack Europas, legen Grundsteine durch die Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens und weiten unseren Wirkungskreis in die Theaterwelt (Culinaite L’Evrope im Burgtgeater) und in den Tourismus aus (die von mir mitbegründeten Tage der Alpen-Adria Küche in Klagenfurt/Celovec – das 3. Mal im September).Wir sind Gesamtkulturell mit neuen Ideen präsent, gerade eben auch mit Vorschlägen an For Forest, wie man kukturell und künstletisch den Wald im Stadion langfristig wirken lassen könnte…Das ist alles mit Arbeit, Kreativität und angehäuftem Wissen, aus Jahrzehnten, zwar – immer wieder – zu machen, aber es ist Präkariatentum und findet nicht jene Anerkennung, die über den Rand des Bettelns und verzweifelten Bittens hinaus geht. 

Schau dir nur die Zahlen der letzten 20 Jahre in den Bundesförderungen an – im Vergleich mit dem, was andere Verlage oft bei weniger Aktivitäten, bekommen.Ich frage mich: Gibt es da ein Gefälle –  Wasserkopf Wien versus Steppe Provinz? Dieses Mießverhältnis kommt zu allem anderen dazu und verstärkt das Gefühl der ungleichen Behandlung. (Ja, ja, ich höre sie, die Sprüche: Juryentscheidung u.v.a.m).

So, jetzt hast du einen kleinen Einblick und einen Versuch meinerseits, einer unvollständigen Antwort auf deine Frage bekommen. So schauts aus und Corona machts es nur sicht- und schmerzhaft spürbarer! 

Wie sagte es Maria Lassnig? “Mit der Kunst zusammen: da verkommt man nicht! Ohne Kunst verkommt man und ich besonders.” Dem habe ich wahrlich nichts hinzuzufügen.