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3.(Über)Leben in Zeiten wie diesen. 27.3.2020

Um das Buch als Kulturgut ist es schlecht bestellt. Die oft zitierte Floskel, die „Krise als Chance“ zu begreifen, greift nicht so recht. Liessmann stellt dazu in der Kleinen Zeitung heute, am 27.3.2020, fest: „Von solchen Krisen die große Läuterung zu erwarten und im Virus einen geheimen Kombattanten im Kampf um die bessere Welt zu sehen, ist eine eigenartige Mischung aus geschichtsphilosophischem Zynismus und romantischer Utopie.“

Wenn Die Zeit meine Verlegerkolleg_innen in Deutschland zum derzeitigen Zustand befragt, liest man – trotz z. T. noch vorhandenem Optimismus und mehr zwischen den Zeilen als offen vorgetragen – von den Sorgen der Branche, vor allem über die angeblich rettende Kraft des Online-Handels.

Das Kulturgut Buch läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben. Es wird mehr zu tun sein, als die – zweifellos notwendigen und dringenden – Not-Soforthilfen oder Spendenaktionen unter dem austauschbaren und abgewandelten Titel: „Buch in Not“.

Wir wollen das Hoffen wagen! Von zuhause, in Kurzarbeit, erfüllt von Sorge, wie es mit den Büchern weitergeht, ob die Vertriebswege Auswege finden werden, wie sich die Hektik in den Podcasts und den sozialen Medien auf die innere Ruhe und die Perspektive des Seins auswirken wird; wir werden vor Aufgaben gestellt, die neue, bisher nicht geforderte Lösungen brauchen. Wir sehen allzu oft hektisches Fuchteln, um die eigene Angst zu verscheuchen, aber kaum noch einen rechten Durchblick. Jedenfalls ist es eine Zeit der Unsicherheit, die anhalten wird und die uns Besonnenheit abverlangt.

Literatur ahnt Unvorhergesehenes, beschreibt und benennt es und öffnet Türen der Phantasie. Literatur lenkt den Blick in alle Horizonte, gibt Hoffnung und birgt in sich Millionen Wege, Stege, Steige zu uns selbst und den in uns verborgenen Hoffnungen, sie nimmt Angst und zeichnet in der Weite das Friedliche, das Gemeinsame.

Sie ist ohne Ideologie und deswegen so schwer zu verstehen, weil sie die intimste solitäre Gemeinsamkeit ist, die aktiv gelebt werden muss, und die Urform des Demokratischen.

Das zu verstehen, es zu leben nach Jahrhunderten der ideologischen Modellierung, ist die wahre Herausforderung, die uns gerade vor Augen geführt wird: SOLITÄR UND SOLIDÄR zu sein.

Noch einige Notate:

22.3.

Die ersten Nachrichten knapp vor 7.00 Uhr: Erdbeben erschüttert Teile von Slowenien, Zagreb, Westgriechenland. Karten, die das Epizentrum mit den ausstrahlenden Armen zeigen, hinterlassen Spuren. Reliefbilder der Gegend werden auf einmal anders betrachtet. Wo sind Berge, welche Einschnitte, Täler durchfurchen das Land, wo verlaufen die bisher kaum beachteten Bruchlinien, wie haben sich in der Vergangenheit geologische Verschiebungen ausgewirkt. Das Erdbeben von Ljubljana 1884, über das Katarina Marinčič in ihrem slowenischen Erstling Tereza schreibt – 1989 in unserem Verlag erschienen –, kommt mir in den Sinn, der Dobratschabsturz 1348 und die Pestepidemie in Friaul und Kärnten, die Heuschreckeneinfälle von damals drängen sich auf. Werden Verschwörungstheorien, Gottes-Strafe-Thesen – Schönborn nahe dran – die heutige Corona-Zeit begleiten?

21.3.

Die Tage, die wir verbringen, gleichen „der Fahrt über das Meer mit ihrer Einsamkeit, mit ihren Stürmen“ (Thomas Knubben, in: Hölderlin. Eine Winterreise).

21.3.

Meine Frau befindet sich im Zweikampf mit der Singer Nähmaschine und hadert mit dem synthetischen Zwirn, weil sie die kargen letzten Meter des nicht mehr produzierten Baumwollzwirns für spätere Zeiten hortet. Wer wen bezwingen wird, ist zur Stunde noch ungewiss.

20.3.

„Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben! / Siehst du das eine recht, siehst du das andere auch.“

„Was wäre das Leben ohne Hoffnung!“

Hölderlin zum 250. Geburtstag

23.3.

Auch wenn aus gegebenem Anlass Culinaire L’Evrope am 19. April im Kasino des Burgtheaters ausfällt, möchten wir euch alle mit zwei Frühjahrsrezepten bzw. Osterrezepten aus Epirus im Norden Griechenlands verwöhnen. Löwenzahn bzw. der Röhrl sprießt in euren Gärten. Nutzt die Kraft der Natur und macht den häuslichen Speiseplan gesund abwechslungsreich.

Wir vom Wieser Verlag und dem Drava Verlag wünschen euch: Gesundheit, Liebe und Poesie! Passt auf euch auf, bleibt zu Hause!

Nachtrag 27.3.: Lest im Falter das Interview mit Burgtheater-Direktor Martin Kušej!

22.3.

Ach Europa! Wenn man selbst in Not ist, sollten Andere in Not nicht vergessen werden. Finden wir Lösungen für unsere gestrandeten Mitmenschen. Wie heißt schon die Hymne Europas? “Alle Menschen werden Brüder?” – und Schwestern. Wirklich? Hoffnung besteht…“Die  Theorie  von  Enrico Quarantelli  besagt:  Je  schlechter  die  Situation,  desto besser  die Menschen.  Quarantelli  (1924–2017)  war  kein  Utopist,  sondern Katastrophensoziologe. Erst nachdem er  einige Katastrophen  untersucht  und  in  den  Reaktionen  ein  wiederkehrendes Muster  festgestellt  hatte,  zog  er  seine  Schlüsse:  Katastrophale Ereignisse führen  die Menschen  zusammen,  sie  hobeln  die  Oberflächlichkeit  weg  und  legen  die  Fähigkeit  zur  Solidarität  frei.  Die  Voraussetzung  dafür  ist  natürlich  zu  begreifen,  dass  ein  Ereignis  eine  Katastrophe  ist.” (Karen Krüger, Die Mitbewohner. geschickt v Heinz Grötschnig)

19.3.

Reise zu Hause!

Mit Europa Erlesen und Geschmack Europas der entstandenen Enge entfliehn, die Nähe finden, das Abenteuer beginnen, sich in Versen verlieren, auf Wellen schwimmen, Rijeka besuchen, herzhaft lachen oder einfach sinnieren.

Sich stärken.

In Zeiten wie diesen lassen wir uns die Weite nicht nehmen.

Durchs Lesen zusammenrücken.

Literatur lässt uns nicht allein.

Gemeinsam das Hoffen wagen.

Die Wiesers wünschen Euch:
Gesundheit, Liebe, Poesie!

Wir lesen weiter!

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