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Muttersprachen und Vatersprachen

Es ist gut 20 Jahre her, seit wir im Rahmen der Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens (WEEO) mit dem Lexikon der Sprachen begonnen haben.
“Mit der Hilfe von Barbara Maier, Feliks J. Bister, Wolfgang Geier und Günther Hödl gelang der erste große Schritt zur Realisierungder Enzyklopädie. Wir organisierten eine große wissenschaftlicheTagung auf der Burg Schlaining und gaben den Startschuss zur Enzyklopädie. Wir haben uns gemeinsam entschlossen, als erstes ein Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens vorzulegen. DieArbeit daran, mit einer Vielzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wurde unter der Leitung des Slawisten Miloš Okuka (München/Sarajevo) durchgeführt und zeitigte kaum zweieinhalb Jahre später einen tausendseitigen Band, in dem 100 lebende und 16 ausgestorbene Sprachen im europäischen Osten umfassend – wissenschaftlich, semantisch, grammatikalisch, literarisch – nachgewiesen und beschrieben wurden. Die Erkenntnis, wie viele Sprachen im europäischen Osten tatsächlich gesprochen werden, hat uns alle überrascht und führte uns die Heterogenität des europäischen Ostens vor Augen. Diese Erkenntnis, die später mit der Herausgabe des Lexikons der Sprachen des europäischen Westens vervollständigt wurde, machte uns erstmals empirisch sichtbar und nachvollziehbar, wiebunt und reich Europa ist, werden doch, auf so engem Raum, in weniger als 50 Staaten gut 200 autochthone und 200 zugewanderte Sprachen gesprochen und gelebt.” 

Aus: Lojze Wieser: Im dreißigsten Jahr. Wieser, Klagenfurt/Celovec 2017, S. 291-292.


In diesen Tagen gedenken wir – vereinzelt – den Tag der Muttersprachen. Mittlerweile wissen wir, dass es auch der Tag der Vatersprachen ist, seit die Zahl der gemischten und Pečwork-Familien rasant wächst. 
Wir befinden uns mitten im Umbruch. (Wann nicht?). Die Menschen sind in Bewegung, Kriege, Krisen und Ausgrenzungen, Hass und Unverständnis sind alltägliche Begleiter. Angst um den kleinen Vorteil, den man sich aufgebaut hat, droht zu versanden. Gründe und Schuldige werden gesucht. Privilegien werden mit Zähnen und Klauen verteidigt, Staatsführer und Kanzler der wohlhabenderen Ländern glauben, dass durch Ausgrenzung, Schließung von Grenzen, durch den Zusammenschluss von Nettozahlern ihr priviligierter Reichtum unsere Katastrophen von uns fern halten kann und werden nicht müde, uns zu erzählen, dass durch unsere Hilfe in Not geratenen Menschen den hiesigen Menschen ihr Erspartes – und den reichen Ländern – das Staatsgold klauen wollen. Am liebsten wäre es ihnen, sie würden anderswohin gehen, wo “sie eine Arbeit finden” und nicht dorthin wo – angeblich –  “die Sozialhilfe am höchsten ist”, so die österreichische Integrationsministerin Raab via Twitter. Dieser Auspruch wird heutzutage von zahllosen Regierungen verbreitet. Die Menschen sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst, ist der Grundton; die gegenseitige Hilfe, die Solidarität, die Fürsorge – verkommene Worte, ausrangiert, verpönt. Fremd. 


Fremd, wie die Sprachen, die den Menschen ihr innerer Halt sind, die Heimat, die Kraft, die Literatur, die Lied, Freude und Tränen sind, die Verständnis und Liebe in sich tragen. Man nahm in den letzten 50 Jahren den Hergekommenen die Sprache. Gerufen wurden sie “Gastarbeiter” – aus heutiger politischer Praxis ist der damit einhergehende Zynismus in seiner ganzen Verachtung mehr als schmerzhaft und zeigt die Überheblichkeit, die damit vor sich hergetragen wird und die die Keimzelle des Herrenmenschen weitertransportiert und wachsende Basis der zunehmenden Verrohung der Gesellschaft ist, wie sie Hanau zuletzt offenbarte. 


Man hat in der Vergangengeit breit und großzügig darauf verzichtet, den Menschen die aktive Integration durch Zusammenfassung der Information in den Medien, oder durch Untertitelung in ihren Sprachen, zu erleichtern; man hat bewußt und geschäftstüchtig ihre Lage genutzt und ihnen durch überteuerte und desolate Wohnmöglichkeiten den Weg in entlegene Stadtbezirke gewiesen, die ihnen später als “Jugo-Zentren”, europäische “Chinatowns”, zum Vorwurf gemacht wurden. 
Dann kamen über “uns” die Flüchtlinge. Über Ursachen, warum diese Menschen ihre Länder verlassen mußten und müssen, wer ihnen Entwicklungshilfe und ihren Regierungen Waffen und Panzer verkaufte, und wer ihnen ihren zuhause erworbenen Wohlstand zerstört hat, wird in der Regel wohlweislich geschwiegen. 
Aber, da bis in die höchsten politischen Kreise die Unterstellung Basis des Handelns ist (Erinnern wir uns – sie sollen dorthin gehen, wo “sie eine Arbeit finden” und nicht dorthin “wo die Sozialhilfe am höchsten ist”) ist es nur auch logisch, dass die politische Ausgrenzung bei und mit der Sprache ihre Fortsetzung findet: dem Anschein nach kommt die Forderung des Erlernens der hiesigen Sprache wie eine warmherzige Fürsorge daher – sie “sollen sich ja integrieren” können –  drum müssen sie die hiesige Sprache – klar doch, vordringlich – erlernen und die eigene vergessen, nach Möglichkeit, auch untereinander nicht sprechen; nur so würden sie sich schneller bei uns eingliedern und uns ebenbürtig sein. 


Vergessen, dass die Medien, Gewerkschaften, Parteien, Kirchen u.v.a.m über Jahrzehnte nichts oder bedauerlich wenig gemacht haben, dass die arbeitenden Gäste auch mitbekommen, worüber wir streiten, feilschen und reden, geschweige, dass wir sie eingeladen haben, mitzureden und, gar nicht zu reden davon, dass wir uns auch ein wenig von ihren Sprachen und Kulturen und Geschichten angeeignet hätten. Wir haben diese unsere Versäumnisse gleich auf den neu zu uns gekommenen Menschen “korrigiert” – “Der, der nicht Deutsch spricht, soll zuhause bleiben” und haben gleich einmal beschlossen – “Ohne Deutsch, keine Arbeit” und kürzten sogleich auch – und vorsichtshalber – einmal die Mittel für die Sprachkurse. So, zur Strafe, um ungezogenen Kindern von vornherein zu zeigen, wer Herr im Haus ist! 


Dabei haben wir uns noch garnicht vergewissert, was die neuesten Hirnforschungen und soziologischen Erfahrungen von positiven Möglichkeiten zu berichten wissen: Wenn Menschen ihre eigene Sprache gut beherrschen, dann lernen sie die Sprache der Nachbarn auch wesentlich schneller. Nimmt man ihnen ihre erste Sprache, verstummen sie. (In Kärnten gibt es den Begriff des “Potukel”, des “Windischen Potukels”, wenn es noch deutlicher gesagt werden sollte. Der Begriff wird vom slowenischen Wort “potuhniti se”, sich ducken, abgeleitet.) 
Dabei sind eigentlich nur einige wenige und kostengünstige Maßnahmen erforderlich, um die Präsenz der Sprachen im öffentlichen Raum zu gewährleisten – im Fernsehen, im Radio, in den Zeitungen und den sozialen Medien Untertitelungen und Zusamnenfassung einführen;  Sprachkurse in den Fabriken, Unternehmen, bei Kammern und Gewerkschaften während der Arbeitszeit durchführen…  
Gerade auch unsere hundertjährigen Versäumnisse und positiven Erfahrungen der letzten Jahrzehnte lehren uns ein einfaches Gebot: Kannst du die Sprache des Nachbarn, kannst du mit ihm reden, dich in seiner und deiner Welt bewegen. 


Die Sprache gibt die Möglichkeit, sich groß zu denken und frei zu handeln. “Es ist alles viel größer und schöner,  als man sich das vorstellen kann (…) was  da an Märchenhaftigkeit und zugleich Wahrhaftigkeit auf einen zukommen kann” sagte Peter Handke vor Kurzem. Die Müttersprachen und die Vätersprachen lassen uns ICH sein und vieltönig der märchenhaften Welterzählung lauschen.

Literaturhinweis

Lexikon der Sprachen des Europäischen Ostens und Westens

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Gelungener Abend

Wie es Glückstage gibt, gibt es auch gelungene Abende. Ein derartiger war gestern, als Bundespräsident Alexander Van der Bellen Peter Handke, anlässlich des Nobelpreises für Literatur, zu sich in die Hofburg lud. Im Kreis von Freunden und Vertreterinnen und Vertreter der Kultur – von Politik bis zur Literatur.

Van der Bellen würdigt ihn – “mit Hemmungen”, wie er sagt, er sei “Ökonom und kein Literaturkritiker. Bei Musil hätte er keine Hemmungen”. Peter Handke redet dazwischen, wie gewohnt: “Dann legen Sie auch bei mir die Hemmungen ab!”. Handke murmelt, mehr für sich, doch für alle hörbar, dass es schön wäre, wenn von den Anwesenden auch noch der Eine oder die Andere was sagen würde …

Martin Kušej eröffnet den Reigen, erzählt vom Kennenlernen und von neuen Stücken, die im Burgtheater kommen werden und reicht die Stafette an mich weiter. Ich erzähle vom Pilznarren, wie sich Handke in einer Widmung vor Kurzem selbst nannte, wie er unter die Blätter und hinter die Worte schaut und vom Hexenei; Maja Haderlap weiß zu berichten, dass ihr Onkel Anton, der Förster, Handke erzählte, warum die Partisanen keine Pilze aßen, Handke wirft ein, dass diese Geschichte ins Stück Immer noch Sturm eingang fand; Johanna Rachinger erinnert sich, wie sie als Jugendliche im katholischen Zirkel Handke lasen und mit Worten aus der Publikumsbeschimpfung für Irritationen im Dorf sorgen; Heinz Fischer, unser HBP i. R., weiß um die Bemühungen vor gut einem Jahrzehnt, Handke nach Österreich zu holen, Jochen Jung wirbt für das neue Buch Das zweite Schwert und Martin Schwab, der große Kammerschauspieler, erinnert sich an Gregor im Stück Über die Dörfer, den er gab und die Furcht die er durchmachte, wie es der Autor wohl aufnehmen würde und Martin Schwab ist es, der die Stafette an Peter Handke weiter gibt. Hubert Patterer, Chefredakteur der Kleinen Zeitung hat sich noch in der Nacht die Mühe gemacht, Handkes Tischrede zu transkribieren. Hier im Wortlaut:

„Es ist alles viel größer und schöner als man sich das vorstellen kann, was man tun kann als kleiner Mensch aus einem Winkel in Österreich. Was da an Märchenhaftigkeit und zugleich an Wahrhaftigkeit auf einen zukommen kann. Das kommt auch von Euch und von den Abwesenden, vor allem von den Abwesenden, vielleicht noch mehr als von Euch, von den Abwesenden, die einzeln das Volk bilden und nicht das Volk als Kette darstellen.
 
Meine erste große Sensation war: Ich habe gedacht, Österreich, ich beschließe, dass ich aus einem großen Land bin. Ich lass mir das nicht bieten, dass die Leute sagen, es ist ein kleines Land. Ich hab beschlossen, ich stamme aus einem großen Land, und so schreibe ich. Es muss nicht Russland sein. Es muss nicht die Steppe sein, aber es ist auch die Steppe. Und es ist der Ural. Auch in Österreich ist der Ural. Zum Beispiel die Saualpe, an deren Fuß ich geboren bin, in Stara Vas, in Altenmarkt, in Griffen, das ist die Saualpe, die von Norden bis nach Griffen und Diex reicht, das ist ein Kontinent für mich.

Das macht meinen fruchtbaren Größenwahn aus, den ich hatte und immer noch habe und den ich jedem von Euch wünsche. Dass ich gedacht habe: Ich stamme aus Alaska, aus Arizona, vom Ufer des Yukon River, der ins Beringmeer mündet, weiß der Teufel, da kommen wir alle her, aber zugleich kommen wir aus Österreich. Jeder hat präzis seinen Winkel. Rechte Winkel, schiefe Winkel. Nur die Kunst hat Winkel, die 360 Grad haben. Die umfassen die Erde.

Wir haben gewaltige Schriftsteller. Gewaltige Künstler. Nicht nur Stifter. Nicht nur Grillparzer. Wir sind alle fragliche Gestalten, Grillparzer war eine fragliche Gestalt. Stifter, Gott sei Dank eine fragliche Gestalt, Hofmannsthal, Schnitzler, Lavant, Bachmann, Jonke, endlos ist die Litanei. Gewaltig, was wir sind. Nicht wir! Was die Leute sind, das kommt von den Leuten her. Die Leute, die hier gelebt haben, die den Widerstand gemacht haben, die das Land bearbeitet haben und im Land vergraben sind: Das sind unsere Helden.

Ich will Österreich kein Loblied singen. Aber ohne diesen Wahn, den ich hatte, dass ich aus einem großen Land stamme, wäre ich nichts, wären wir alle nichts. Sie nicht, ich nicht. Auch die Skispringer gehören dazu. Alle. So, und jetzt lasst mich in Ruhe!

Literaturhinweis

Sonderedition zum Nobelpreis für Literatur 2019 im Wieser Verlag

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An einem Tag wie diesem

Es begann im Frühjahr vor 23 Jahren, an einem Tag wie diesem. Im Herbst 1997 erschienen die ersten Bände der Reihe Europa Erlesen zur Frankfurter Buchmesse. In meinem Buch Im dreißigsten Jahr habe ich dazu folgendes geschrieben:

Der Hinweis vom Diogenes-Verleger Rudolf C. Bettschart im Frühjahr 1997, als ich ihn in Zürich besuchte, gab den Ausschlag, an die Umsetzung der Idee in der nun als Europa erlesen vorliegenden Form zu gehen. Er meinte damals, als er sich meine Überlegungen anhörte und die Muster begutachtete – die unsere Druckerei als Maquetten vorlegte und mit denen ich auf einer zehntägigen Rundreise durch Österreich, Deutschland, die Schweiz und Slowenien Buchhändler, Journalistinnen und Brancheninsider befragte – dass wir für billig gemachte Bücher zu arm seien; ich solle lieber einen edel gestalteten Band machen, so im Wert eines schönes Blumenstraußes, den man seiner Frau oder Geliebten bringe. So standen mein Freund Schmid und Bettschart mit ihren Ratschlägen an der Wiege der Reihe Europa erlesen. Sie redeten mir gut zu und halfen, den Verlag wieder aus der schwierigen Situation zu manövrieren.


Aus: Lojze Wieser: Im dreißigsten Jahr. Wieser, Klagenfurt/Celovec 2017, S. 87.

Aktuell halten wir bei 230 Bänden und machen weiter – mithilfe kundiger Herausgeberinnen und Herausgeber.

Der erzählerische Hauptstrang führte uns unter anderem nach Albanien, in die Bačka, ins Collio/Goriška Brda und die Donau entlang bis zu ihrem Delta; wir lauschten dem Echo des Jahrhunderts in Georgien, in Istrien, auf dem Karst und in der Lausitz; wir bummelten durch Moskau, Niš, Odessa, Plovdiv, Riga und Salzburg; wir kehrten in der Steiermark/Štajerska ein, durchstreiften die Terra Bosna und die Vojvodina; zogen entlang der Wolga bis Zentralasien, schauten auch in Zürich vorbei. Wir ließen den Hauptfluss speißende Nebenstränge und Reihen entspringen, kleinen Flüssen und Bächlein gleich: besuchten Literaturschauplätze, schritten den Limes ab, zogen mit den Donnerstagsdemonstranten auf die Wiener Wandertage; schauten, wie der Wind in Georgien weht, machten uns als Ausländer nach Belgrad auf, erzählten uns politische Witze aus Osteuropa und lasen Krims Märchen, gingen mit Joseph Roth auf Reisen und besuchten Slataper in seinen Karstdolinen; fuhren im Takt durch die Schweiz und lasen zwischen Fels und Nebel europäische Lyrik – in gut dreißig Sprachen. Wir brachen mit dem Frauendienst und den Fabliaux ins gar nicht dunkle Mittelalter auf, lasen erneut die fein gleitenden Verse von Eschenbachs Parzival (wie sie einzig Franz V. Spechtler zu übertragen wusste) und fragten den Ackermann von Böhmen, Tkadleček, Walther von der Vogelweide und Willehalm, ob sie eine Antwort auf Parzivals Frage „Mensch, wer bist du?“ hätten. 

Wir begannen die blinden Flecken zu erkunden und wussten, wir müssen Europa leben – und kochten mit Rezepten aus der ungarischen Arme-Leute-Küche, befragten Santonino nach einer ordentlichen mittelalterlichen Kost, kehrten bei der slowenischen Köchin mitte des 19. Jahrhunderts ein, die uns auf die Connaisseure der dalmatinischen Küche verwies, und fanden in den Geschmacksverwandtschaften das Kochbuch für zukünftige Millionäre …

Wir blickten über den europäischen Tellerrand hinaus, in den Orient und nach China, schauten auch nach New York, reisten nach Hong Kong und besuchten eine Reihe von Kulturhauptstädten.* Zuletzt blieben wir – erschüttert – in Reka/Rijeka/Fiume in Gedanken versunken, da gerade hier Gerhard M. Dienes, nachdem er uns den Rijeka-Band** zum Druck reichte, sich aufmachte, seine letzte, lange Reise anzutreten. 

Mir bleibt nur, ihm nachzurufen: Reise gut, mein Freund, wir werden ein wenig noch weiterziehen, bevor wir dir folgen. Bis dahin lesen wir weiter, versprochen! 

Dein Verleger

Lojze

*) Amsterdam, Athen, Bergen, Brüssel, Cork, Dublin, Graz, Helsinki, Hermannstadt, Kopenhagen, Krakau, Linz, Liverpool, Paris, Plovdiv, Porto, Riga, Rijeka, Stockholm, Tallinn, Vilnius, Weimar.

**) Gerhard M. Dienes, Ervin Dubrović, Marijana Erstić & Gero Fischer (Hrsg.): Europa Erlesen Rijeka. Wieser, Klagenfurt/Celovec 2020.

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Wenn der Nobelpreisträger zu Besuch kommt

Es gibt seltene Glückstage, wo Freude und Erinnerung zueinander finden. Solche waren der 11. und der gestrige 12. Februar. Der Tag war schön, die Sonne wärmte, die Menschen zog es in die Sonne. Und ich hatte Besuch. Peter Handke, der Nobelpreisträger, war vorbei gekommen.

 Am Morgen war er zu Fuß bis Maria Loretto gegangen. Ein schöner Ort, wir sollten, meint er später, dorthin mit Valentin und Barbara zu Mittag eine Suppe oder eine Kleinigkeit essen gehen. Wir brechen auf, doch hat das Restaurant geschlossen. Ferien. 

Ankunft

Er bittet Barbara, von uns beiden ein Foto zu machen. Es werden einige sehr schöne Bilder. Wir stapfen zum Schloss hinauf, da gibt es aber nur Toast u entschließen uns, ins naheliegende Restaurant Lido zu fahren. Barbara reserviert. In diesem Moment kommt der einzige Gast vom Schloss und fragt, ob er “Herr Handke” sei und ob er mit ihm ein Selfie machen dürfe: „Das glaubt mir keiner! Das glaubt niemand!“ Glücklich geht er zurück ins Cafe im Schloss. 

Handke ist entspannt, fröhlich, hört zu, fragt, denkt über die Jugend, die Mutter nach, zeigt das neueste Buch, dass noch nicht ausgeliefert ist, wo er darüber erzählt, dass vor Jahrzehnten eine Frau seine Mutter beleidigt, sinnt nach Rache”…und der Schluss ist ganz anders, als man glauben würde”; fragt nach unserer Mutter, die gestern vor fünf Jahren gestorben ist; blättert im Büchlein, dass ich ihm mitgebracht habe, geschrieben unmittelbar nach ihrem Tod, nur für die Familie – “Mit klarem Blick hingehen, an den Rand oder Die Erinnerung ist das einzige Paradies / Kako bo, ko te bo obdajala tema ali Spomin je edini paradiž” – steckt es ein, wird es lesen, spricht über die Erinnerung als einziges Paradies und dass es von Jean Paul sei und ergänzt: “…aus dem wir nicht vertrieben werden können.”

Zu viert schlendern wir über den Park zu den parkenden Autos, umarmen uns, und ziehen weiter. Zufriedenheit und schöne Gedanken bleiben mit uns.

Literaturhinweis

Sonderedition zum Nobelpreis für Literatur 2019 im Wieser Verlag

Fotos: Barbara Maier (3); Lojze W.(1) 2020

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Culinaire L’Evrope 2

LETTRE CULINAIRE 2
Lojze Wieser

Tscholent – Ritschert – Ričat
Eine der Erklärungsvarianten des Ritscherts meint, dass es eine Abwandlung der jüdischen Speise Tscholent sei (siehe auch Rolf Schwendter: „Bemerkenswert ist die Konstellation von Tscholent, Kugel und Zimmes: in viel Fett langsam gar geschmorte Sabbatspeisen, die am Vorabend in den Bäckerofen gestellt wurden. Der Tscholent, vom altfranzösischen »chauld« (Wärme) herkommend, ist hierbei eine Kombination aus Eintopf und Auflauf, kombiniert aus Fleisch (oft Geflügel), Hülsenfrüchten, Graupen und Gewürzen.“)
Marcel Ihnačák aus Mikulov/Nikolsburg in Mähren bereitet „die Himmelsspeise, die der liebe Herrgott selber einst den Moses kochen lehrte“ – wie Heinrich Heine schrieb – den Tscholent, Schalet oder Scholent – zu. Ihn zu kochen wäre eine Glaubensfrage, die sich von Region zu Region unterscheidet. Und wie der Ursprung des Gerichts ist auch die Zubereitung vielfältig: Soll er auf dem Herd oder im Backofen oder beim Bäcker im Gemeinschaftsofen gemacht werden?
„Ich denke, Tscholent ist eine der typischsten jüdischen Speisen, weil es eine Speise ist, die immer am Schabbat gegessen wird. Das bedeutet, dass am Freitagmorgen alles vorbereitet wird. Freitagmittag beginnt dann der Schabbat, der bis zum Samstagabend dauert. Es ist eine Speise, die im warmen Backrohr fertig gegart wird, weil in dieser Zeit nicht gearbeitet und gekocht werden darf. Aufgrund des Schabbats wurde Tscholent wahrscheinlich so eine typische Speise“, erläutert Marcel Ihnačák. Der Tscholent knüpft sowohl an mediterrane Kochtraditionen als auch an tausendjährige alpine Zutaten an, die ähnliche Gerichte wie den Ritschert/Ričat hervorbrachten, wie Rolf Schwendter in Arme essen – Reiche speisen schreibt. Und: Je nach Glauben wird anderes Fleisch verwendet …

Je nach Ortsveränderung fand statt Gänse- oder Entenfleisch nun auch Schweinefleisch in den Suppentopf, wobei zuerst nur die Fleischsuppe, aus Geräuchertem gekocht, da es eine Winterspeise war, mit Brein (Hirse) und später mit Rollgerste verfeinert wurde (siehe auch: Kugler/Maier, Santoninos Kost, S. 45: Fleischsuppe mit Gerste).
Die geräucherten Fleischteile gaben der Suppe auch ihren typischen Geschmack. Die karster Jota, mit dem Knochen des Pršut und der Zugabe von Kraut, Bohnen und Kartoffeln, ist wohl auch eine weitere Abwandlung, die den Gegebenheiten der Zeit, der Region, des Anbaues usw. Rechnung trug, indem verarbeitet wurde, was die Natur hergab und was gerade vorhanden war. Unsere Mutter gab zum Beispiel den Wiesensalbei dazu, damit bekam die Suppe einen feinen gelben Stich, erinnerte an Safran und hat nicht so intensiv nach Salbei geschmeckt, wie wenn sie den Gartensalbei beigefügt hätte.
Orzoto wird die Speise in Dalmatien genannt, wo sie sehr ähnlich mit Hühnerfleisch und Weißwein zubereitet wird, und sich wieder dem Tscholent annähert.
Da der Ritschert/Ričat auch in slowenischen Gefängnissen eine beliebte Speise war, gibt es auch die Deutung, der Name würde von rešet oder rešetke (Gitter, Häfen) kommen.
Jedenfalls ist es eine Speise, die in großen Mengen nahrhaft zuzubereiten ist, also eine typische Armeleuteküche, wo alle Teile, auch die schon hart gewordenen, oft stundenlang weichgekocht und so genießbar werden. Man ließ nichts verkommen, es musste alles Verwendung finden und gegessen werden.
Im Karst erzählt man, dass der Knochen des alten Pršut bis zu viermal ausgekocht, von Haus zu Haus weitergereicht und zu immer lichteren Suppen verkocht wurde. Je ärmer die Gegend, umso mehr wurde die Phantasie der Köchinnen herausgefordert. Im Friaul heißt sie dann Minestra di orzo e fagioli.

Literatur:
Wieser, Lojze: Kochen unter anderen Sternen: Geschichten von entlegenen Speisen. Wien: Czernin, 2007.
Wieser, Lojze; Wagner, Christoph; Maier, Barbara: Geschmacksverwandtschaften: Eine kleine europäische Speisefibel mit Rezepten. Europa Leben. Klagenfurt/Wieser: Wieser, 2009.
Schwendter, Rolf: Arme essen – Reiche speisen: Neuere Sozialgeschichte der zentraleuropäischen Gastronomie, Wien: Promedia, 1995
Wieser, Lojze (Text); Senegacnig, Heribert; Gebauer, Florian u. a. (Fotos): Der Geschmack Europas.
Band 1: Die ersten Stationen, Klagenfurt: Wieser, 2017.
Band 2: Weitere Stationen, Klagenfurt: Wieser, 2018.
Band 3: Zehn weitere Stationen, Klagenfurt: Wieser, 2019.

Culinaire L’Evrope #2 am 26.02, um 18.30 im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Ticketbezug auf der Burgtheater-Website